Kein Platz für 26.000 Menschen

imageWir halten am Eingang eines Gewerbegebiets am Stadtrand von Lublin. Unser Ziel ist der sogenannte „Umschlagplatz“, der Ort, von dem die SS zwischen März und April 1942 26.000 Lubliner Juden nach Belzec in den Tod deportierte. Auf dem Weg dahin passieren wir alte Industrieruinen. Dazwischen Kleinbetriebe in Flachbauten. Grau dominiert überall. Nach einigen hundert Metern geht es plötzlich durch Dickicht einen Trampelpfad entlang, bis wir auf einem überraschend kleinen Platz stehen. Auf der einen Längsseite begrenzen die Ziegelmauern einer alten Werkstatt den Raum, auf der anderen Seite eine Betonpalisade neueren Datums.

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Vorbei geht es an der Ruine des ehemaligen städtischen Schlachthauses.

Der Platz ist übersät mit Unrat, das Unkraut wuchert meterhoch. Zentral wurden einige Gleiselemente gestapelt, auf denen Leuchter aus Plastik stehen, dazwischen wieder Müll, überwiegend Bier- und Schnapsflaschen. Dahinter an der Werkstattwand, fast zugewachsen von wildem Wein, eine kleine, polnisch beschriftete Gedenktafel. Die Betonpalisade ist besprüht mit Begriffen und Namen, die auf den Holocaust Bezug nehmen. Darunter Hitler, Eichmann, Globocnik, der Name von Höfle ist falsch geschrieben.

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Der Umschlagplatz. Links ein Betonpalisade neueren Datums, die den Platz verkleinert. Durch das Dickicht hinten fuhren die Züge nach Belzec. Rechts Teile der missglückten künstlerischen Gestaltung.

Wir können kaum glauben, dass dieser verwahrloste Ort, auf den kein Hinweisschild verweist, der Ort sein soll, von dem die Mehrheit der Lubliner Juden in den Tod fuhren. Steffen, unser kundiger Führer, bemerkt unsere Irritation und erläutert, dass an diesem Ort der Gleisanschluss des städtischen Schlachthauses lag, dessen Ruine hinter der Betonpalisade alles überragt. Dies habe den Ausschlag für diesen Ort gegeben. Der Platz sei früher sicher größer gewesen, um die täglich deportierten 1.500 Menschen fassen zu können, die genaue Topographie kenne aber niemand mehr. Mit der Gestaltung des Ortes sei eine regionale Initiative beauftragt, die aber kaum über Ressourcen verfüge.

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Gedenktafel hinter wildem Wein.  Darunter ressourcenschonende Kunst.

Das heute sichtbare Ergebnis ist vielleicht gut gemeint, der Platz freilich ist eine Schmach für die Stadt Lublin. Führt man sich das Drama vor Augen, das hier stattgefunden hat, kann man diesen Unort nur als Ausdruck maßloser Gleichgültigkeit empfinden. Einige Minuten noch bleiben wir, schweigend, fotografierend, den Kopf schüttelnd. Dann treten wir den Rückweg an. „Wenigstens den Müll könnten sie wegräumen“, bemerkt Frank, der schon einige Bücher über den Holocaust publiziert hat.

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