Snapchat – ein erster Eindruck

Am 18. März hielt Richard Gutjahr auf den CeBIT Global Conferences einen sehr kurzweiligen Vortrag über Snapchat. Wohl kein anderes soziales Netzwerk wird gerade so stark gehypt – Snapchat als Facebook-Nachfolger, Snapchat als TV-Killer. Angeregt durch Richards amüsanten Erfahrungsbericht habe ich mir einen Account angelegt und in den letzten Tagen ein wenig damit herumgespielt. Sehr weit davon entfernt Experte zu sein, möchte ich dennoch kurz von meinen ersten Eindrücken berichten.


Zunächst einmal: Blutigen Anfängern wie mir macht es Snapchat nicht eben einfach. Bis man die Benutzerführung auch nur ansatzweise verstanden hat, dauert es schon ein wenig. Die verwendeten Symbole sind eher kryptisch, Hilfe bietet die App nicht an. Also googelte ich mich Schritt für Schritt durch die einzelnen Features, wobei mir nach wie vor einiges unklar geblieben ist. Aber es reicht, um die ersten Geschichten zu erzählen. Weiterlesen

Gerade gelesen: „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk

St. Pauli ist heute – zumindest für uns Nicht-Hamburger – ein Hipster-Stadtteil. Das mächtig angesagte Reeperbahn-Festival, die coolen Clubs und Theater, ein wenig Hans-Albers-Folklore, wohldesignte Medien-Start-ups, nicht zu vergessen der Underdog-Fußball am Millerntor mit der legendären AC/DC-Einlaufmusik. Im Zeitalter der ausufernden Internet-Erotik ist das alte Rotlicht-Viertel längst zur dekorativen Kulisse regrediert, zum nostalgischen Disneyland. Wie unsäglich elend und trostlos aber St. Pauli in den Siebziger Jahren war, wie hoffnungslos verkommen und gewalttätig die Menschen in den Kaschemmen St. Paulis tatsächlich waren, das erzählt Heinz Strunk in seinem gerade erschienenen Roman „Der goldene Handschuh“.

image

Ziemlich harter Tobak das Buch.

Das Buch schildert das Leben des berüchtigten Frauenmörders Fritz Honka und wurde mittlerweile in nahezu allen relevanten Feuilletons meist sehr positiv besprochen (wie man im Perlentaucher nachlesen kann). Ich hatte das Buch in drei Tagen durch (das ist für mich Langsamleser ziemlich schnell) und muss den Kritikern zustimmen: es ist wirklich ein gutes Buch, das beim Lesen allerdings sehr viel abverlangt. Die Ekelgrenzen werden regelmäßig überschritten, freilich nicht aus einer Sensationslüsternheit oder Voyeurismus, sondern um lakonisch und detailgenau ein Milieu darzustellen, das uns wohl allen fremd ist und von dem wir hoffen, dass es heute so nicht mehr existiert. Es ist wirklich eine deprimierende Lektüre. Im ganzen Buch taucht kein einziger positiver Held auf, niemand, der einen Identifikationsansatz bietet. Ich habe alle handelnden Figuren beim Lesen verachtet und bin froh, dass ich derartigen Menschen im echten Leben bislang nicht begegnet bin.

Weiterlesen

Gedanken zu Brüssel

Am Morgen des 1. März dieses Jahres stieg ich an der Metro-Station Maelbeek aus, um mit einem Arbeitskollegen im gegenüber gelegenen Thon Hotel EU einen Termin bei der Europäischen Kommission vorzubereiten. Maelbeek ist kein schöner Bahnhof, auch wenn er vor kurzem hell gefliest und mit fröhlichen comic-ähnlichen Strichzeichnungen dekoriert wurde. Die Ausgänge sind jedoch eng und dunkel und enden niedrig im Erdgeschoss übler Betonbauten aus den Sechziger oder Siebziger Jahren. Aber das konnte man ja jetzt im Fernsehen gut sehen.

Das Thon Hotel EU hingegen ist ein freundliches Hotel in bunten Farben, in dem wir dann eine Dreiviertelstunde zusammensaßen, uns besprachen und immer wieder einen Blick auf die gut gelaunten auscheckenden EU-Touristen warfen – aufgeregte Besuchergruppen aus vielen Ländern und wichtige Damen und Herren in dunklen Kostümen und Anzügen. Als es dann Zeit wurde, brachen wir auf, überquerten die Rue de la Loi und stiegen wieder in Maelbeek in die Metro M5 Richtung Hermann Debroux. Vorgestern berichtete mir mein Kollege, der die Detonation im Bahnhof in seinem nahe gelegenen Büro hörte, dass die Lobby eben dieses Hotels am 22. März zur notdürftigen Krankenstation wurde.

Weiterlesen

Münchhausen am Wannsee

Mein großes Jahresprojekt, die CeBIT, ging letzten Freitag einigermaßen erfolgreich zu Ende und jetzt beginnt für mich die eigentlich angenehmste Zeit des Jahres. Der Frühling kommt, die Menschen bekommen wieder bessere Laune und tragen freundlichere Farben. Und ich, ich habe den Kopf frei und darf und kann nachdenken. Und habe Zeit für anderes.

Als erstes habe ich mir bei ebay ein schönes Buch für meine Paul-Scheerbart-Sammlung gekauft: die Erstausgabe von „Münchhausen und Clarissa. Ein Berliner Roman“, erschienen 1906 im Berliner Oesterheld und Co. Verlag, erfreulicherweise sogar im selteneren Leinen-Einband. Bezahlt habe ich dafür gerade einmal 52 Euro, in diesem Erhaltungszustand kostet die Leinen-Ausgabe sonst mindestens das Dreifache. Weiterlesen

Suche nach verlorenen Gräbern

In vier Wochen beginnt die CeBIT und mit wachsender Nervosität sinkt gleichzeitig meine intellektuelle Fähigkeit, mich produktiv mit anderen Themen zu beschäftigen. Daher wird mein Blog in den nächsten vier Wochen nur sporadisch bespielt. Gleichwohl habe ich gestern Abend, angeregt durch Recherchen zu John Cornford (über den ich einen längeren Text plane), auf Youtube nach Videos zu den Internationalen Brigaden gesucht.imageIch möchte Euch hier eines meiner gestrigen Fundstücke empfehlen, eine kanadische Dokumentation, die sich mit einem Aspekt befasst, den ich in meinen ersten Beiträgen zu den Internationalen Brigaden schon habe anklingen lassen: das vollständige und spurlose Verschwinden von Menschen, die für das Gute und Richtige einstanden, damit aber auf der Seite der Verlierer standen. Der Film macht sich auf die Suche nach den Gräbern der gefallenen kanadischen Freiwilligen der XV. Internationalen Brigade. Um es vorwegzunehmen: er hat sie nicht gefunden.

Weiterlesen

Nebensaison

Eine Mietangelegenheit brachte mich kurzfristig heute an die Ostsee nach Fehmarn. Anfang Februar ist gewiss keine typische Reisezeit für einen Ausflug an die See. Kalt und windig und menschenleer ist es jetzt hier. Die Insel erholt sich, kümmert sich um sich selbst und bereitet sich vor auf die Osterferien. Die Restaurants und Cafés sind fast alle noch geschlossen und nur wenige Reisende treffen sich am Strand. Melancholische Stimmung begleitet mich beim langen Spaziergang durch den Hafen und entlang des Südstrand.image

image

Kein Bedarf nach Erfrischungen.

Weiterlesen

Wer war Willi Gölkel?

Über mein großes Interesse am wechselvollen Schicksal der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg habe ich in einem früheren Post bereits kurz berichtet. Im Schicksal der Internationalen Brigaden verdichten sich für mich die Größe und das vielfältige Scheitern der europäischen Idee in weniger als zwei Jahren Bürgerkrieg. Neben der intensiven Lektüre zum Thema trage ich zusammen, was ich an Originaldokumenten finde – sofern ich sie denn bezahlen kann. Schon einfache Briefumschläge, die sich den Internationalen Brigaden zuordnen lassen, sind in der Regel nicht unter 100 Euro zu bekommen – es gibt einfach nur sehr wenig Originalmaterial. Von einzelnen Bataillonen sind weltweit überhaupt nur drei, vier Dokumente bekannt.
imageKürzlich konnte ich für meine Sammlung den ersten Umschlag ersteigern, den ich eindeutig einem der wohl knapp 5.000 deutschen Kämpfer zuordnen konnte. Anders als bei den meisten Briefen hat der Absender seinen vollen Namen angegeben: Willi Gölkel. Als Anschrift gibt er das Hauptquartier der Internationalen Brigaden am Plaza Altozano in Albacete an, ein damals durchaus übliches Verfahren. Das S.R.I. steht dabei für Socorro Rojo International (Internationale Rote Hilfe), eine wesentlich von der Kommunistischen Internationale getragene Wohlfahrtsorganisation. Die darauffolgende Zahl 11 verweist auf die mehrheitlich deutschsprachige XI. Internationale Brigade (Thälmann-Brigade). Zuletzt folgt ein weiteres handschriftliches Zeichen, das ich nicht sicher entschlüsseln kann; sehr wahrscheinlich ist es aber eine römische Vier (IV), ein Hinweis auf die Zugehörigkeit zum vierten Bataillon dieser Brigade, dem Bataillon 12. Februar, das überwiegend aus Österreichern bestand. Weiterlesen