In Belzec

Unsere erste Station ist das ehemalige Arbeitslager. Wir stehen auf einem weitläufigen, mit Gräsern kniehoch überwucherten Grundstück. Am hinteren Ende eine lang gestreckte, baufällige Baracke. 1940 gab es hier bereits ein Arbeitslager für Juden sowie Sinti und Roma, darunter auch Menschen aus Bremen und Hamburg. Zwei Jahre, bevor nicht weit von hier die Vergasungen im monströsen Todeslager beginnen, müssen bis zu 1.000 Menschen unter unwürdigen Bedingungen in dieser primitiven Baracke hausen, um an der nahe gelegenen russischen Grenze Befestigungen auszuheben. Viele Häftlinge kommen dabei um. Nichts erinnert heute mehr an sie. „Mebla“ steht heute an der Außenwand der Baracke, die nach dem Krieg ein Möbelhändler nutzte.

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Das ehemalige Arbeitslager in Belzec. Der aus Hamburg stammende Häftling Gustav Weiss berichtet, dass allein in der Woche seiner Ankunft 1940 mehr als 70 Kinder starben. Vor Ort findet sich heute kein Hinweis auf die Geschichte dieses Ortes.

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Kein Platz für 26.000 Menschen

imageWir halten am Eingang eines Gewerbegebiets am Stadtrand von Lublin. Unser Ziel ist der sogenannte „Umschlagplatz“, der Ort, von dem die SS zwischen März und April 1942 26.000 Lubliner Juden nach Belzec in den Tod deportierte. Auf dem Weg dahin passieren wir alte Industrieruinen. Dazwischen Kleinbetriebe in Flachbauten. Grau dominiert überall. Nach einigen hundert Metern geht es plötzlich durch Dickicht einen Trampelpfad entlang, bis wir auf einem überraschend kleinen Platz stehen. Auf der einen Längsseite begrenzen die Ziegelmauern einer alten Werkstatt den Raum, auf der anderen Seite eine Betonpalisade neueren Datums. Weiterlesen

Tage in Tokio

imageDie Arbeit führte mich im Juni nach Tokio, das zweite Mal schon nach vergangenem Oktober. Ich war sehr gespannt auf diese vielen vermeintlichen Brüche zwischen fremder Tradition und radikaler Moderne. In Tokio selbst war ich überrascht: da ist die Stadt bei aller Größe dann doch erlernbarer als erwartet. So sehr, dass ich sogar mein GPS-Navigationsgerät während eines langen Stadtspaziergangs auf einer Parkbank im kaiserlichen Garten liegen ließ und den Verlust erst nach meiner Rückkehr in Berlin bemerkte.

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Nebensaison

Eine Mietangelegenheit brachte mich kurzfristig heute an die Ostsee nach Fehmarn. Anfang Februar ist gewiss keine typische Reisezeit für einen Ausflug an die See. Kalt und windig und menschenleer ist es jetzt hier. Die Insel erholt sich, kümmert sich um sich selbst und bereitet sich vor auf die Osterferien. Die Restaurants und Cafés sind fast alle noch geschlossen und nur wenige Reisende treffen sich am Strand. Melancholische Stimmung begleitet mich beim langen Spaziergang durch den Hafen und entlang des Südstrand.image

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Kein Bedarf nach Erfrischungen.

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Mein Frieden mit Fulda

Seit einigen Jahren fliehen wir an Weihnachten aus Berlin. In diesem Jahr der Entschluss, nach Fulda zu fahren: die Stadt, die mein Pass als mein Geburtsort ausweist, in der ich aber niemals lebte und die ich eher verleugnete. Was findet man in der Stadt, in der die eigene Mutter aufwuchs, man selbst aber allenfalls die Großeltern besuchte. Heimat vielleicht?

Fuldas Dom mit der Michaeliskirche.

Berühmte Silhouette: Fuldas Dom mit der Michaeliskirche (re.).

Im Bahnhof erschrecke ich noch angesichts dessen Banalität, doch schon der Vorplatz, mir noch als vielbefahrene Zubringerstraße in Erinnerung, ist heute längst verkehrsberuhigtes Entree einer Geschäftsstraße mit angenehm kleinstädtischem Charme. Der Weihnachtsmarkt auf dem nahegelegenen Universitätsplatz mit viel lokalem Kunsthandwerk und ganz ohne den sonst so gefürchteten Ramsch. Ich schaue mich um. Ambitionierte Neubauten, wo früher lieblose Zweckarchitektur der Fünfziger und Sechziger Jahre stand. Die Altbauten meist aufwändig saniert. Viel kleiner Einzelhandel, kaum Fillialketten. Natürlich gibt es hier und da noch etwas zu tun. Doch im Vergleich zu den Erinnerungen an meine Fulda-Besuche aus den Achtziger und Neunziger Jahren ist die Veränderung zum Guten kaum zu übersehen.

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Brüsseler Sperren

Seit einigen Monaten fahre ich alle zwei Wochen nach Brüssel, um eine Konferenz vorzubereiten. Ich war vor den Pariser Anschlägen da, dann nur wenige Tage danach, um seit dem regelmäßig zurückzukehren. Auf den Plätzen und Bahnhöfen fallen besonders die paarweise patrouilliernden Soldaten in Kampfmontur mit ihren vor der Brust getragenen Schnellfeuergewehren auf. Doch in diesen frühlingshaften Tagen wirken die Menschen gelassen trotz dieser martialischen Kulisse.

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Heute dann auf dem nahe Molenbeek gelegenen Gare du Midi wurde ich das erste mal vor einer Bahnfahrt von bewaffneten Polizisten kontrolliert und musste Ausweis und Fahrkarte präsentieren und Sperren passieren. Da wurde mir das nach wie vor Bedrohliche dieser Tage wieder bewusst. Weiterlesen

Hallo Welt!

Kein besonders einfallsreicher Titel, um ein Blog zu beginnen. Aber es zählt der Anfang. Nicht immer nur planen und erwägen, sondern einfach beginnen. Es sollte doch zu schaffen sein, zwei, drei mal im Monat einen einigermaßen interessanten Text zu schreiben. Und dabei darauf zu vertrauen, dass den dann auch jemand liest.

Was habe ich also vor? Ich werde über Bücher schreiben und über andere Dinge aus Papier: Zeichnungen, Drucke, Manuskripte, Dokumente, Postkarten, denn ich liebe die Geschichten, die diese Dinge erzählen. Ich möchte über Menschen schreiben, die mich beeindruckt haben, obwohl ich von deren Existenz nur zufällig erfuhr. Und ich werde natürlich über die vielen Nebensächlichkeiten berichten, die mir geschehen oder die mir auffallen und deren Gesamtheit erst unsere Individualität ausmacht.

Wünscht mir also Glück dabei (und die Fähigkeit, WordPress zu verstehen).