Gerade gelesen: „Der Circle“ von Dave Eggers

Wie? Gerade gelesen? Wieso denn jetzt erst? Das Buch ist doch bald schon drei Jahre alt, die deutsche Übersetzung erschien 2014. Nun, ich gestehe: Wird ein Buch als „Must read“ gehypt, lasse ich das meist erst einmal liegen. Bald habe ich soviel Kritiken darüber gelesen und gehört, dass ich eh den Eindruck habe, das Buch schon zu kennen. Genauso ging es mir mit The Circle von Dave Eggers. Da die Diskussion über Privatheit und Überwachung aber bis heute nicht nachgelassen hat, schien es mir jetzt nun doch an der Zeit, das Buch endlich selbst zu lesen.
imageÜberraschenderweise war der Roman eine eher leichte Lektüre, erwartete ich doch einen Text mit literarischem Gewicht von Aldous Huxleys Brave New World oder George Orwells 1984, mit denen Kritiker The Circle häufig verglichen. Jedoch weit gefehlt. Die Geschichte der 24jährigen Mae Holland, die in dem sektenhaft geführten Unternehmen The Circle eine steile Karriere macht, verzichtet auf jegliche kompositorische Komplexität und semantische Vielschichtigkeit und erzählt stattdessen geradeaus und mit eher flachen Charakteren seine – durchaus interessante – Geschichte. Parallelen zu Google und Facebook, die zusammen mit GoPro und Amazon so etwas wie The Circle bilden könnten, sind unübersehbar – bis hin zu einzelnen handelnden Personen. Ein Schlüsselroman ist es aber dennoch nicht. Weiterlesen

Gerade gelesen: „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk

St. Pauli ist heute – zumindest für uns Nicht-Hamburger – ein Hipster-Stadtteil. Das mächtig angesagte Reeperbahn-Festival, die coolen Clubs und Theater, ein wenig Hans-Albers-Folklore, wohldesignte Medien-Start-ups, nicht zu vergessen der Underdog-Fußball am Millerntor mit der legendären AC/DC-Einlaufmusik. Im Zeitalter der ausufernden Internet-Erotik ist das alte Rotlicht-Viertel längst zur dekorativen Kulisse regrediert, zum nostalgischen Disneyland. Wie unsäglich elend und trostlos aber St. Pauli in den Siebziger Jahren war, wie hoffnungslos verkommen und gewalttätig die Menschen in den Kaschemmen St. Paulis tatsächlich waren, das erzählt Heinz Strunk in seinem gerade erschienenen Roman „Der goldene Handschuh“.

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Ziemlich harter Tobak das Buch.

Das Buch schildert das Leben des berüchtigten Frauenmörders Fritz Honka und wurde mittlerweile in nahezu allen relevanten Feuilletons meist sehr positiv besprochen (wie man im Perlentaucher nachlesen kann). Ich hatte das Buch in drei Tagen durch (das ist für mich Langsamleser ziemlich schnell) und muss den Kritikern zustimmen: es ist wirklich ein gutes Buch, das beim Lesen allerdings sehr viel abverlangt. Die Ekelgrenzen werden regelmäßig überschritten, freilich nicht aus einer Sensationslüsternheit oder Voyeurismus, sondern um lakonisch und detailgenau ein Milieu darzustellen, das uns wohl allen fremd ist und von dem wir hoffen, dass es heute so nicht mehr existiert. Es ist wirklich eine deprimierende Lektüre. Im ganzen Buch taucht kein einziger positiver Held auf, niemand, der einen Identifikationsansatz bietet. Ich habe alle handelnden Figuren beim Lesen verachtet und bin froh, dass ich derartigen Menschen im echten Leben bislang nicht begegnet bin.

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