In Belzec

Unsere erste Station ist das ehemalige Arbeitslager. Wir stehen auf einem weitläufigen, mit Gräsern kniehoch überwucherten Grundstück. Am hinteren Ende eine lang gestreckte, baufällige Baracke. 1940 gab es hier bereits ein Arbeitslager für Juden sowie Sinti und Roma, darunter auch Menschen aus Bremen und Hamburg. Zwei Jahre, bevor nicht weit von hier die Vergasungen im monströsen Todeslager beginnen, müssen bis zu 1.000 Menschen unter unwürdigen Bedingungen in dieser primitiven Baracke hausen, um an der nahe gelegenen russischen Grenze Befestigungen auszuheben. Viele Häftlinge kommen dabei um. Nichts erinnert heute mehr an sie. „Mebla“ steht heute an der Außenwand der Baracke, die nach dem Krieg ein Möbelhändler nutzte.

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Das ehemalige Arbeitslager in Belzec. Der aus Hamburg stammende Häftling Gustav Weiss berichtet, dass allein in der Woche seiner Ankunft 1940 mehr als 70 Kinder starben. Vor Ort findet sich heute kein Hinweis auf die Geschichte dieses Ortes.

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Kein Platz für 26.000 Menschen

imageWir halten am Eingang eines Gewerbegebiets am Stadtrand von Lublin. Unser Ziel ist der sogenannte „Umschlagplatz“, der Ort, von dem die SS zwischen März und April 1942 26.000 Lubliner Juden nach Belzec in den Tod deportierte. Auf dem Weg dahin passieren wir alte Industrieruinen. Dazwischen Kleinbetriebe in Flachbauten. Grau dominiert überall. Nach einigen hundert Metern geht es plötzlich durch Dickicht einen Trampelpfad entlang, bis wir auf einem überraschend kleinen Platz stehen. Auf der einen Längsseite begrenzen die Ziegelmauern einer alten Werkstatt den Raum, auf der anderen Seite eine Betonpalisade neueren Datums. Weiterlesen

Der vielleicht letzte Zeuge

Am 3. April 2016 verstarb im Alter von 95 Jahren Jules Schelvis, der möglicherweise letzte Überlebende des Vernichtungslagers Sobibor. Doch obwohl der Augenzeuge Jules Schelvis das wohl wichtigste Buch über Sobibór schrieb, hat ihn kaum eine deutsche Zeitung gewürdigt. So erfuhr ich erst jetzt eher zufällig vom Tod 

imageJules Schelvis, 1921 in Amsterdam geboren, wurde gemeinsam mit seiner Frau und über 3.000 weiteren Menschen im Mai 1943 über Westerbork nach Sobibór deportiert. Dort wurde er mit 80 weiteren Männern als sogenannter Arbeitshäftling selektiert, nach wenigen Stunden konnte er Sobibór wieder verlassen. Alle anderen Deportierten wurden unmittelbar nach Ankunft durch Gas ermordet. Durch den Zufall der Selektion überlebte Jules Schelvis als einziger seines Transports und als einer von wohl weniger als 100 Menschen überhaupt das Vernichtungslager Sobibór, in dem bis Kriegsende bis zu 250.000 Menschen ermordet wurden. Weiterlesen

Lebenszeichen aus Piaski

Vor mir liegt ein unscheinbares Stück Papier. Eine Postkarte, geschrieben am 21. September 1941 in Piaski, einer Kleinstadt im damals besetzten Polen, adressiert an die Bewohnerin eines Hamburger Altersheims. Für Philatelisten ist die Karte völlig uninteressant – keine seltene Frankatur, keine ungewöhnlichen Stempel. Der Sammlerwert der Postkarte (Katalognummer „Generalgouvernement P10“) beträgt zehn Euro, ein Briefmarkenhändler kann dafür allenfalls die Hälfte verlangen. Doch wer den schwer lesbaren Text entziffert und den historischen Kontext berücksichtigt, entdeckt ein zeitgeschichtlich bewegendes Zeugnis.

imageIm Juli 2010 verlegte der Künstler Gunter Demnig zwei von mir gestiftete Stolpersteine, die an die Berliner Jüdin Else Ellendmann und ihren Sohn Peter erinnern. Beide wohnten bis 1942 im Grünen Weg 15 in Berlin-Wannsee, keine 500 Meter entfernt von dem Haus, in dem ich heute lebe. Ich hatte bis dahin keinerlei persönlichen Bezug zur Familie Ellendmann, es war allein die geographische Nähe zum eigenen Lebensort, die mich veranlasste, die beiden Stolpersteine zu beauftragen. Im Internet hatte ich herausgefunden, dass die damals 27jährige Mutter und ihr vierjähriger Sohn am 28. März 1942 zusammen mit 983 anderen Berliner Juden und Jüdinnen ins Ghetto Piaski deportiert wurden. Der sogenannte „11. Berliner Judentransport“ erreichte sein Ziel am 30. März 1942. Das sind die letzten gesicherten Daten aus dem Leben von Else und Peter Ellendmann. Was danach mit Else Ellendmann und ihrem Sohn Peter passierte, ob sie den Eisenbahntransport überhaupt überlebten, ist unbekannt. Offiziell gelten beide heute – ohne Angabe eines genauen Todesdatums – als in Piaski ermordet. Weiterlesen