Emigriert nach Paris: Zwei Postkarten an Dr. Leo Alexander in Berlin

Im September 1938 emigrierte Martin Alexander in Begleitung seiner Frau (?) Herta aus Berlin nach Paris, um von dort aus weiter nach Argentinien auszuwandern. In zwei Postkarten an den Berliner Arzt Dr. Leo Alexander berichtet er aus den ersten Tagen seiner Emigration. Während Martin und Herta die Flucht vermutlich gelang, werden Leo, seine Frau Edith und der von ihnen angenommene Pflegesohn Wolfgang am 17. Mai 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

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100 Raritäten (5): „Kommerzienrats Olly“ von Else Ury

Else Ury ist berühmt geworden als Verfasserin der für junge Mädchen konzipierten Nesthäkchen-Romane, die zwischen 1913 und 1925 in zehn Bänden erschienen und bis heute – wenn auch sprachlich überarbeitet – verlegt werden. Die Erzählungen über das Leben der höheren Tochter Annemarie Braun aus Charlottenburg erreichten hohe Auflagen und machten Else Ury zu einer der erfolgreichsten Jugendbuchautorinnen der Weimarer Republik. Gut erhaltene Ausgaben ihrer Bücher aus der Zeit vor 1933 sind durchaus gesucht, aber gewiss keine großen Raritäten. Anders verhält es sich mit signierten Ausgaben, die in Antiquariaten kaum zu bekommen sind. Eine solche befindet sich in meiner Bibliothek.

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Lebenszeichen aus Belzyce (1): eine Postkarte von Erna Reich

Die hier vorgestellte Postkarte ist ein besonders eindrucksvolles Zeitdokument aus meiner Sammlung. Geschrieben wurde sie im November 1940 von der Stettiner Jüdin Erna Reich, die am 12./13. Februar 1940 aus ihrer Heimat in den Distrikt Lublin deportiert wurde. Die damals 56jährige Erna Reich war eine von 245 Deportierten von über 1.100 dieses Transportes, die in die Kleinstadt Belzyce gebracht wurde. Von dort schrieb sie offensichtlich regelmäßig Post an den Vorstand der jüdischen Gemeinde in Braunschweig. In der hier gezeigten Postkarte berichtet sie über den Ablauf einer jüdischen Beerdigung an ihrem Deportationsort.

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Lebenszeichen aus Piaski (3): Eine Postkarte von Herbert Finkelscherer

Im August 2019 konnte ich eine weitere Karte aus dem Ghetto Piaski erwerben, die von einem der am 12. Februar 1940 aus Stettin deportierten Juden geschrieben wurde. Verfasser ist Dr. Herbert Finkelscherer, der von 1938 bis 1940 Rabbiner der Stettiner Synagogengemeinschaft war. Die Postkarte wurde am 17. Dezember 1940 geschrieben, also rund zehn Monate nach der Deportation.

Postkarte Finkelscherer Piaski RS

Herbert Finkelscherer schreibt an Klara Ems:

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Post aus dem Internierungslager St. Cyprien, Juli 1940.

Kürzlich erwarb ich eine Postkarte aus dem südfranzösischen Camp de St. Cyprien, am 21. Juli 1940 in deutscher Sprache eng beschrieben von einem Franz Neumann („Ilot 2, Baraque i9“) und adressiert an Walther Eckstein in New York City. Frankiert mit Briefmarken der französischen Republik, die nur wenige Wochen zuvor, am 22. Juni 1940, vor der deutschen Wehrmacht kapituliert hatte.

franz neumann VS st. cyprien 1940 low res

Der zwanzigjährige Franz Neumann berichtet ausführlich über seine Lage und seine Sorgen nachdem er im Mai 1940 aus dem von den Deutschen besetzten Belgien deportiert worden war.

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Lebenszeichen (2): Elsa Goldschmidt schreibt aus Piaski

In einem früheren Beitrag habe ich bereits einiges über das Transitghetto Piaski und die Deportation der Stettiner Juden im Februar 1940 geschrieben. Nun kann ich eine weitere Postkarte aus Piaski dokumentieren, die ich kürzlich erwerben konnte.

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Berlin im November 1938: „…und dann mußte er verreisen.“

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„… und dann musste er verreisen.“ Im Berliner November 1938 hieß das nichts anderes als Verhaftung.

Vor kurzem erwarb ich eine Postkarte, die am 17. November 1938 in Berlin verfasst und nach Jerusalem versandt wurde. Das Datum und der Wohnort des Empfängers lassen aufmerken. Denn acht Tage zuvor, am 9. November 1938, verwüstete ein organisierter Nazi-Mob überall in Deutschland jüdische Geschäfte und Wohnungen und zerstörte 1.400 Synagogen. Hunderte starben bei den Pogromen und über 30.000 Juden wurden in den Tagen danach verhaftet. Die Postkarte ist ein Zeugnis dieser Ereignisse, wenn man nur ein wenig zwischen den Zeilen liest. Weiterlesen

In Belzec

Unsere erste Station ist das ehemalige Arbeitslager. Wir stehen auf einem weitläufigen, mit Gräsern kniehoch überwucherten Grundstück. Am hinteren Ende eine lang gestreckte, baufällige Baracke. 1940 gab es hier bereits ein Arbeitslager für Juden sowie Sinti und Roma, darunter auch Menschen aus Bremen und Hamburg. Zwei Jahre, bevor nicht weit von hier die Vergasungen im monströsen Todeslager beginnen, müssen bis zu 1.000 Menschen unter unwürdigen Bedingungen in dieser primitiven Baracke hausen, um an der nahe gelegenen russischen Grenze Befestigungen auszuheben. Viele Häftlinge kommen dabei um. Nichts erinnert heute mehr an sie. „Mebla“ steht heute an der Außenwand der Baracke, die nach dem Krieg ein Möbelhändler nutzte.

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Das ehemalige Arbeitslager in Belzec. Der aus Hamburg stammende Häftling Gustav Weiss berichtet, dass allein in der Woche seiner Ankunft 1940 mehr als 70 Kinder starben. Vor Ort findet sich heute kein Hinweis auf die Geschichte dieses Ortes.

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Kein Platz für 26.000 Menschen

imageWir halten am Eingang eines Gewerbegebiets am Stadtrand von Lublin. Unser Ziel ist der sogenannte „Umschlagplatz“, der Ort, von dem die SS zwischen März und April 1942 26.000 Lubliner Juden nach Belzec in den Tod deportierte. Auf dem Weg dahin passieren wir alte Industrieruinen. Dazwischen Kleinbetriebe in Flachbauten. Grau dominiert überall. Nach einigen hundert Metern geht es plötzlich durch Dickicht einen Trampelpfad entlang, bis wir auf einem überraschend kleinen Platz stehen. Auf der einen Längsseite begrenzen die Ziegelmauern einer alten Werkstatt den Raum, auf der anderen Seite eine Betonpalisade neueren Datums. Weiterlesen

Der vielleicht letzte Zeuge

Am 3. April 2016 verstarb im Alter von 95 Jahren Jules Schelvis, der möglicherweise letzte Überlebende des Vernichtungslagers Sobibor. Doch obwohl der Augenzeuge Jules Schelvis das wohl wichtigste Buch über Sobibór schrieb, hat ihn kaum eine deutsche Zeitung gewürdigt. So erfuhr ich erst jetzt eher zufällig vom Tod 

imageJules Schelvis, 1921 in Amsterdam geboren, wurde gemeinsam mit seiner Frau und über 3.000 weiteren Menschen im Mai 1943 über Westerbork nach Sobibór deportiert. Dort wurde er mit 80 weiteren Männern als sogenannter Arbeitshäftling selektiert, nach wenigen Stunden konnte er Sobibór wieder verlassen. Alle anderen Deportierten wurden unmittelbar nach Ankunft durch Gas ermordet. Durch den Zufall der Selektion überlebte Jules Schelvis als einziger seines Transports und als einer von wohl weniger als 100 Menschen überhaupt das Vernichtungslager Sobibór, in dem bis Kriegsende bis zu 250.000 Menschen ermordet wurden. Weiterlesen