Tage in Tokio

imageDie Arbeit führte mich im Juni nach Tokio, das zweite Mal schon nach vergangenem Oktober. Ich war sehr gespannt auf diese vielen vermeintlichen Brüche zwischen fremder Tradition und radikaler Moderne. In Tokio selbst war ich überrascht: da ist die Stadt bei aller Größe dann doch erlernbarer als erwartet. So sehr, dass ich sogar mein GPS-Navigationsgerät während eines langen Stadtspaziergangs auf einer Parkbank im kaiserlichen Garten liegen ließ und den Verlust erst nach meiner Rückkehr in Berlin bemerkte.

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Viel zu spät! Meine Highlights der re:publica

Zwei Wochen ist es nun her, dass die re:publica 2016 zu Ende ging und damit kommt dieser kurze persönliche Rückblick eigentlich viel zu spät. Nun habe ich ihn dennoch geschrieben, denn eigenartig ruhig waren diese vierzehn Tage bislang. Täuscht es mich oder sorgte die re:publica früher für längeren medialen Nachhall? 15 Vorträge habe ich an zwei Tagen gehört – das ist bei siebzehn parallel bespielten Bühnen nur ein Bruchteil des Gesamtprogramms. Doch diese subjektive Auswahl – ich muss es so offen sagen – hat mich in ihrer Gesamtheit eher enttäuscht. Wenig Neues, wenig Gewagtes, wenig Überraschendes. Im Durchschnitt würde ich die Qualität „meiner“ Vorträge mit einer Drei bewerten – und damit weit weniger wohlwollend als die Vorträge der Vorjahre. Doch es gab auch Ausreißer: drei Beiträge haben mir gut gefallen, über einen habe ich mich besonders geärgert. Weiterlesen

Gerade gelesen: „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk

St. Pauli ist heute – zumindest für uns Nicht-Hamburger – ein Hipster-Stadtteil. Das mächtig angesagte Reeperbahn-Festival, die coolen Clubs und Theater, ein wenig Hans-Albers-Folklore, wohldesignte Medien-Start-ups, nicht zu vergessen der Underdog-Fußball am Millerntor mit der legendären AC/DC-Einlaufmusik. Im Zeitalter der ausufernden Internet-Erotik ist das alte Rotlicht-Viertel längst zur dekorativen Kulisse regrediert, zum nostalgischen Disneyland. Wie unsäglich elend und trostlos aber St. Pauli in den Siebziger Jahren war, wie hoffnungslos verkommen und gewalttätig die Menschen in den Kaschemmen St. Paulis tatsächlich waren, das erzählt Heinz Strunk in seinem gerade erschienenen Roman „Der goldene Handschuh“.

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Ziemlich harter Tobak das Buch.

Das Buch schildert das Leben des berüchtigten Frauenmörders Fritz Honka und wurde mittlerweile in nahezu allen relevanten Feuilletons meist sehr positiv besprochen (wie man im Perlentaucher nachlesen kann). Ich hatte das Buch in drei Tagen durch (das ist für mich Langsamleser ziemlich schnell) und muss den Kritikern zustimmen: es ist wirklich ein gutes Buch, das beim Lesen allerdings sehr viel abverlangt. Die Ekelgrenzen werden regelmäßig überschritten, freilich nicht aus einer Sensationslüsternheit oder Voyeurismus, sondern um lakonisch und detailgenau ein Milieu darzustellen, das uns wohl allen fremd ist und von dem wir hoffen, dass es heute so nicht mehr existiert. Es ist wirklich eine deprimierende Lektüre. Im ganzen Buch taucht kein einziger positiver Held auf, niemand, der einen Identifikationsansatz bietet. Ich habe alle handelnden Figuren beim Lesen verachtet und bin froh, dass ich derartigen Menschen im echten Leben bislang nicht begegnet bin.

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Gedanken zu Brüssel

Am Morgen des 1. März dieses Jahres stieg ich an der Metro-Station Maelbeek aus, um mit einem Arbeitskollegen im gegenüber gelegenen Thon Hotel EU einen Termin bei der Europäischen Kommission vorzubereiten. Maelbeek ist kein schöner Bahnhof, auch wenn er vor kurzem hell gefliest und mit fröhlichen comic-ähnlichen Strichzeichnungen dekoriert wurde. Die Ausgänge sind jedoch eng und dunkel und enden niedrig im Erdgeschoss übler Betonbauten aus den Sechziger oder Siebziger Jahren. Aber das konnte man ja jetzt im Fernsehen gut sehen.

Das Thon Hotel EU hingegen ist ein freundliches Hotel in bunten Farben, in dem wir dann eine Dreiviertelstunde zusammensaßen, uns besprachen und immer wieder einen Blick auf die gut gelaunten auscheckenden EU-Touristen warfen – aufgeregte Besuchergruppen aus vielen Ländern und wichtige Damen und Herren in dunklen Kostümen und Anzügen. Als es dann Zeit wurde, brachen wir auf, überquerten die Rue de la Loi und stiegen wieder in Maelbeek in die Metro M5 Richtung Hermann Debroux. Vorgestern berichtete mir mein Kollege, der die Detonation im Bahnhof in seinem nahe gelegenen Büro hörte, dass die Lobby eben dieses Hotels am 22. März zur notdürftigen Krankenstation wurde.

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Warum ich #Kaltland für einen schlechten Hashtag halte

Deutschland wird 2015 allen Schätzungen nach rund eine Million Flüchtlinge aufnehmen. Vor genau einem Jahr konnte diese Zahl wohl niemand vorausahnen. Deutschland hat diese gewaltige humanitäre  Aufgabe insgesamt gut bewältigt – vor allem dank seiner extrem hilfsbereiten Bevölkerung. Deutschland 2015 war ein Warmland, gewiss kein Kaltland.

imageIch glaube nicht an 100%-Gesellschaften. Keine Nation wird jemals zu irgendeinem Punkt eine einheitliche Meinung haben. Menschen sind verschieden – verschieden intelligent, verschieden gebildet, verschieden erfahren. So bitter es klingt: In jeder Gesellschaft wird es immer mindestens 5% Drecksäcke geben – Leute, deren Worte und Taten wir verabscheuen und gegen die wir Farbe bekennen müssen.

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Mein Frieden mit Fulda

Seit einigen Jahren fliehen wir an Weihnachten aus Berlin. In diesem Jahr der Entschluss, nach Fulda zu fahren: die Stadt, die mein Pass als mein Geburtsort ausweist, in der ich aber niemals lebte und die ich eher verleugnete. Was findet man in der Stadt, in der die eigene Mutter aufwuchs, man selbst aber allenfalls die Großeltern besuchte. Heimat vielleicht?

Fuldas Dom mit der Michaeliskirche.

Berühmte Silhouette: Fuldas Dom mit der Michaeliskirche (re.).

Im Bahnhof erschrecke ich noch angesichts dessen Banalität, doch schon der Vorplatz, mir noch als vielbefahrene Zubringerstraße in Erinnerung, ist heute längst verkehrsberuhigtes Entree einer Geschäftsstraße mit angenehm kleinstädtischem Charme. Der Weihnachtsmarkt auf dem nahegelegenen Universitätsplatz mit viel lokalem Kunsthandwerk und ganz ohne den sonst so gefürchteten Ramsch. Ich schaue mich um. Ambitionierte Neubauten, wo früher lieblose Zweckarchitektur der Fünfziger und Sechziger Jahre stand. Die Altbauten meist aufwändig saniert. Viel kleiner Einzelhandel, kaum Fillialketten. Natürlich gibt es hier und da noch etwas zu tun. Doch im Vergleich zu den Erinnerungen an meine Fulda-Besuche aus den Achtziger und Neunziger Jahren ist die Veränderung zum Guten kaum zu übersehen.

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