Der vielleicht letzte Zeuge

Am 3. April 2016 verstarb im Alter von 95 Jahren Jules Schelvis, der möglicherweise letzte Überlebende des Vernichtungslagers Sobibor. Doch obwohl der Augenzeuge Jules Schelvis das wohl wichtigste Buch über Sobibór schrieb, hat ihn kaum eine deutsche Zeitung gewürdigt. So erfuhr ich erst jetzt eher zufällig vom Tod 

imageJules Schelvis, 1921 in Amsterdam geboren, wurde gemeinsam mit seiner Frau und über 3.000 weiteren Menschen im Mai 1943 über Westerbork nach Sobibór deportiert. Dort wurde er mit 80 weiteren Männern als sogenannter Arbeitshäftling selektiert, nach wenigen Stunden konnte er Sobibór wieder verlassen. Alle anderen Deportierten wurden unmittelbar nach Ankunft durch Gas ermordet. Durch den Zufall der Selektion überlebte Jules Schelvis als einziger seines Transports und als einer von wohl weniger als 100 Menschen überhaupt das Vernichtungslager Sobibór, in dem bis Kriegsende bis zu 250.000 Menschen ermordet wurden. Weiterlesen

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Gerade gelesen: „Der Circle“ von Dave Eggers

Wie? Gerade gelesen? Wieso denn jetzt erst? Das Buch ist doch bald schon drei Jahre alt, die deutsche Übersetzung erschien 2014. Nun, ich gestehe: Wird ein Buch als „Must read“ gehypt, lasse ich das meist erst einmal liegen. Bald habe ich soviel Kritiken darüber gelesen und gehört, dass ich eh den Eindruck habe, das Buch schon zu kennen. Genauso ging es mir mit The Circle von Dave Eggers. Da die Diskussion über Privatheit und Überwachung aber bis heute nicht nachgelassen hat, schien es mir jetzt nun doch an der Zeit, das Buch endlich selbst zu lesen.
imageÜberraschenderweise war der Roman eine eher leichte Lektüre, erwartete ich doch einen Text mit literarischem Gewicht von Aldous Huxleys Brave New World oder George Orwells 1984, mit denen Kritiker The Circle häufig verglichen. Jedoch weit gefehlt. Die Geschichte der 24jährigen Mae Holland, die in dem sektenhaft geführten Unternehmen The Circle eine steile Karriere macht, verzichtet auf jegliche kompositorische Komplexität und semantische Vielschichtigkeit und erzählt stattdessen geradeaus und mit eher flachen Charakteren seine – durchaus interessante – Geschichte. Parallelen zu Google und Facebook, die zusammen mit GoPro und Amazon so etwas wie The Circle bilden könnten, sind unübersehbar – bis hin zu einzelnen handelnden Personen. Ein Schlüsselroman ist es aber dennoch nicht. Weiterlesen

Gerade gelesen: „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk

St. Pauli ist heute – zumindest für uns Nicht-Hamburger – ein Hipster-Stadtteil. Das mächtig angesagte Reeperbahn-Festival, die coolen Clubs und Theater, ein wenig Hans-Albers-Folklore, wohldesignte Medien-Start-ups, nicht zu vergessen der Underdog-Fußball am Millerntor mit der legendären AC/DC-Einlaufmusik. Im Zeitalter der ausufernden Internet-Erotik ist das alte Rotlicht-Viertel längst zur dekorativen Kulisse regrediert, zum nostalgischen Disneyland. Wie unsäglich elend und trostlos aber St. Pauli in den Siebziger Jahren war, wie hoffnungslos verkommen und gewalttätig die Menschen in den Kaschemmen St. Paulis tatsächlich waren, das erzählt Heinz Strunk in seinem gerade erschienenen Roman „Der goldene Handschuh“.

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Ziemlich harter Tobak das Buch.

Das Buch schildert das Leben des berüchtigten Frauenmörders Fritz Honka und wurde mittlerweile in nahezu allen relevanten Feuilletons meist sehr positiv besprochen (wie man im Perlentaucher nachlesen kann). Ich hatte das Buch in drei Tagen durch (das ist für mich Langsamleser ziemlich schnell) und muss den Kritikern zustimmen: es ist wirklich ein gutes Buch, das beim Lesen allerdings sehr viel abverlangt. Die Ekelgrenzen werden regelmäßig überschritten, freilich nicht aus einer Sensationslüsternheit oder Voyeurismus, sondern um lakonisch und detailgenau ein Milieu darzustellen, das uns wohl allen fremd ist und von dem wir hoffen, dass es heute so nicht mehr existiert. Es ist wirklich eine deprimierende Lektüre. Im ganzen Buch taucht kein einziger positiver Held auf, niemand, der einen Identifikationsansatz bietet. Ich habe alle handelnden Figuren beim Lesen verachtet und bin froh, dass ich derartigen Menschen im echten Leben bislang nicht begegnet bin.

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Münchhausen am Wannsee

Mein großes Jahresprojekt, die CeBIT, ging letzten Freitag einigermaßen erfolgreich zu Ende und jetzt beginnt für mich die eigentlich angenehmste Zeit des Jahres. Der Frühling kommt, die Menschen bekommen wieder bessere Laune und tragen freundlichere Farben. Und ich, ich habe den Kopf frei und darf und kann nachdenken. Und habe Zeit für anderes.

Als erstes habe ich mir bei ebay ein schönes Buch für meine Paul-Scheerbart-Sammlung gekauft: die Erstausgabe von „Münchhausen und Clarissa. Ein Berliner Roman“, erschienen 1906 im Berliner Oesterheld und Co. Verlag, erfreulicherweise sogar im selteneren Leinen-Einband. Bezahlt habe ich dafür gerade einmal 52 Euro, in diesem Erhaltungszustand kostet die Leinen-Ausgabe sonst mindestens das Dreifache. Weiterlesen

Lebenszeichen aus Piaski

Vor mir liegt ein unscheinbares Stück Papier. Eine Postkarte, geschrieben am 21. September 1941 in Piaski, einer Kleinstadt im damals besetzten Polen, adressiert an die Bewohnerin eines Hamburger Altersheims. Für Philatelisten ist die Karte völlig uninteressant – keine seltene Frankatur, keine ungewöhnlichen Stempel. Der Sammlerwert der Postkarte (Katalognummer „Generalgouvernement P10“) beträgt zehn Euro, ein Briefmarkenhändler kann dafür allenfalls die Hälfte verlangen. Doch wer den schwer lesbaren Text entziffert und den historischen Kontext berücksichtigt, entdeckt ein zeitgeschichtlich bewegendes Zeugnis.

imageIm Juli 2010 verlegte der Künstler Gunter Demnig zwei von mir gestiftete Stolpersteine, die an die Berliner Jüdin Else Ellendmann und ihren Sohn Peter erinnern. Beide wohnten bis 1942 im Grünen Weg 15 in Berlin-Wannsee, keine 500 Meter entfernt von dem Haus, in dem ich heute lebe. Ich hatte bis dahin keinerlei persönlichen Bezug zur Familie Ellendmann, es war allein die geographische Nähe zum eigenen Lebensort, die mich veranlasste, die beiden Stolpersteine zu beauftragen. Im Internet hatte ich herausgefunden, dass die damals 27jährige Mutter und ihr vierjähriger Sohn am 28. März 1942 zusammen mit 983 anderen Berliner Juden und Jüdinnen ins Ghetto Piaski deportiert wurden. Der sogenannte „11. Berliner Judentransport“ erreichte sein Ziel am 30. März 1942. Das sind die letzten gesicherten Daten aus dem Leben von Else und Peter Ellendmann. Was danach mit Else Ellendmann und ihrem Sohn Peter passierte, ob sie den Eisenbahntransport überhaupt überlebten, ist unbekannt. Offiziell gelten beide heute – ohne Angabe eines genauen Todesdatums – als in Piaski ermordet. Weiterlesen

Hinweis auf Paul Scheerbart

Kürzlich las ich das Bonmot, dass Paul Scheerbart der Autor sei, von dem jeder wisse, dass ihn niemand kenne. Schon 1909 bezeichnete ihn Hanns Heinz Ewers als den „am wenigsten gelesene[n] aller lebenden deutschen Autoren“. Auch wenn beides übertrieben ist: In jedem Fall ist Paul Scheerbart ein Solitär in der deutschen Literaturgeschichte, der sich mit seinen verschrobenen, märchenhaften, oftmals aber auch visionären Texten keinem gängigen Ismus zuordnen lässt.

Einige Scheerbart-Ausgaben aus meiner Bibliothek.

Schon zu Lebzeiten war Paul Scheerbart eher ein in der Literaturszene bekannter Charakter als ein gelesener, geschweige denn erfolgreicher Schriftsteller. Keines seiner Bücher erreichte hohe Auflagen, meist wurden keine zweitausend Exemplare abgesetzt, oft nur wenige hundert. Und auch heute ist Scheerbart weniger für seine phantasiereichen, gelegentlich orientalisch angehauchten Romane bekannt, wie z.B. Tarub, Bagdads berühmte Köchin. Ein arabischer Kulturroman von 1897. Auch nicht für die Bücher, die auf Kometen oder anderen Himmelskörpern spielen – als bekanntester darunter der Asteroiden-Roman Lesabéndio von 1913. Vielmehr schätzt man ihn heute als einen der ersten Schriftsteller, die bahnbrechende technologische Entwicklungen weitergedacht haben. Weiterlesen

Hinweis auf Else Lasker-Schüler

Warum hinweisen auf Else Lasker-Schüler, die wahrscheinlich bekannteste und meistbesprochene deutsche Lyrikerin des 20. Jahrhunderts? Es gibt zahlreiche Biografien und etliche Ausgaben ihrer Werke bei renommierten Verlagen (neben den Gedichten auch Romane, Erzählungen, Dramen und Zeichnungen). Doch nie war es so einfach, Else Lasker-Schüler zu lesen: Seit gestern sind ihre Werke gemeinfrei.

imageElse Lasker-Schüler ist längst eine legendäre Figur der deutschen Literatur. Leitfigur der Berliner Bohème vor dem ersten Weltkrieg, leidenschaftlich lebend, emanzipiert, extravagant, sensibel, ständig pleite, dabei mit nahezu allen Größen aus Kunst und Literatur ihrer Zeit bekannt, liiert – oder verfeindet. Lebensgefährtin von Gottfried Benn und Herwarth Walden, Korrespondentin eines mittlerweile weltberühmten grafisch-literarischen Briefwechsels mit Franz Marc. Ihre Werke erscheinen in den renommiertesten Zeitschriften und Verlagen der Weimarer Republik. Als Jüdin muss sie 1933 aus Berlin in die Schweiz flüchten, später zieht es sie weiter nach Palästina. Sie stirbt am 16. Januar 1945 in Jerusalem.

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