Viel zu spät! Meine Highlights der re:publica

Zwei Wochen ist es nun her, dass die re:publica 2016 zu Ende ging und damit kommt dieser kurze persönliche Rückblick eigentlich viel zu spät. Nun habe ich ihn dennoch geschrieben, denn eigenartig ruhig waren diese vierzehn Tage bislang. Täuscht es mich oder sorgte die re:publica früher für längeren medialen Nachhall? 15 Vorträge habe ich an zwei Tagen gehört – das ist bei siebzehn parallel bespielten Bühnen nur ein Bruchteil des Gesamtprogramms. Doch diese subjektive Auswahl – ich muss es so offen sagen – hat mich in ihrer Gesamtheit eher enttäuscht. Wenig Neues, wenig Gewagtes, wenig Überraschendes. Im Durchschnitt würde ich die Qualität „meiner“ Vorträge mit einer Drei bewerten – und damit weit weniger wohlwollend als die Vorträge der Vorjahre. Doch es gab auch Ausreißer: drei Beiträge haben mir gut gefallen, über einen habe ich mich besonders geärgert. Weiterlesen

Münchhausen am Wannsee

Mein großes Jahresprojekt, die CeBIT, ging letzten Freitag einigermaßen erfolgreich zu Ende und jetzt beginnt für mich die eigentlich angenehmste Zeit des Jahres. Der Frühling kommt, die Menschen bekommen wieder bessere Laune und tragen freundlichere Farben. Und ich, ich habe den Kopf frei und darf und kann nachdenken. Und habe Zeit für anderes.

Als erstes habe ich mir bei ebay ein schönes Buch für meine Paul-Scheerbart-Sammlung gekauft: die Erstausgabe von „Münchhausen und Clarissa. Ein Berliner Roman“, erschienen 1906 im Berliner Oesterheld und Co. Verlag, erfreulicherweise sogar im selteneren Leinen-Einband. Bezahlt habe ich dafür gerade einmal 52 Euro, in diesem Erhaltungszustand kostet die Leinen-Ausgabe sonst mindestens das Dreifache. Weiterlesen

Lebenszeichen aus Piaski

Vor mir liegt ein unscheinbares Stück Papier. Eine Postkarte, geschrieben am 21. September 1941 in Piaski, einer Kleinstadt im damals besetzten Polen, adressiert an die Bewohnerin eines Hamburger Altersheims. Für Philatelisten ist die Karte völlig uninteressant – keine seltene Frankatur, keine ungewöhnlichen Stempel. Der Sammlerwert der Postkarte (Katalognummer „Generalgouvernement P10“) beträgt zehn Euro, ein Briefmarkenhändler kann dafür allenfalls die Hälfte verlangen. Doch wer den schwer lesbaren Text entziffert und den historischen Kontext berücksichtigt, entdeckt ein zeitgeschichtlich bewegendes Zeugnis.

imageIm Juli 2010 verlegte der Künstler Gunter Demnig zwei von mir gestiftete Stolpersteine, die an die Berliner Jüdin Else Ellendmann und ihren Sohn Peter erinnern. Beide wohnten bis 1942 im Grünen Weg 15 in Berlin-Wannsee, keine 500 Meter entfernt von dem Haus, in dem ich heute lebe. Ich hatte bis dahin keinerlei persönlichen Bezug zur Familie Ellendmann, es war allein die geographische Nähe zum eigenen Lebensort, die mich veranlasste, die beiden Stolpersteine zu beauftragen. Im Internet hatte ich herausgefunden, dass die damals 27jährige Mutter und ihr vierjähriger Sohn am 28. März 1942 zusammen mit 983 anderen Berliner Juden und Jüdinnen ins Ghetto Piaski deportiert wurden. Der sogenannte „11. Berliner Judentransport“ erreichte sein Ziel am 30. März 1942. Das sind die letzten gesicherten Daten aus dem Leben von Else und Peter Ellendmann. Was danach mit Else Ellendmann und ihrem Sohn Peter passierte, ob sie den Eisenbahntransport überhaupt überlebten, ist unbekannt. Offiziell gelten beide heute – ohne Angabe eines genauen Todesdatums – als in Piaski ermordet. Weiterlesen