Emigriert nach Paris: Zwei Postkarten an Dr. Leo Alexander in Berlin

Im September 1938 emigrierte Martin Alexander in Begleitung seiner Frau (?) Herta aus Berlin nach Paris, um von dort aus weiter nach Argentinien auszuwandern. In zwei Postkarten an den Berliner Arzt Dr. Leo Alexander berichtet er aus den ersten Tagen seiner Emigration. Während Martin und Herta die Flucht vermutlich gelang, werden Leo, seine Frau Edith und der von ihnen angenommene Pflegesohn Wolfgang am 17. Mai 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

In welchem verwandtschaftlichen Verhältnis Martin und Leo zueinander standen, geht aus den Karten nicht hervor. Tatsächlich finden sich im Jüdischen Adressbuch für Gross-Berlin in der letzten erschienen Ausgabe 1931/1932 getrennte Einträge für Martin Alexander und Dr. Leo Alexander mit der identischen Adresse NW6, Albrechtstraße 4. Dies legt eine besondere familiäre Nähe nahe, wie sie auch aus den Postkarten herauszulesen ist.

Postkarte vom 14. September 1938
Absender: Martin Alexander, Roma-Hotel, 101 Rue Coulaincourt, Paris
Empfänger: Dr. Leo Alexander, Retzbacher Weg 83, Berlin-Pankow

Meine Lieben! nach einer ganz interessanten Fahrt sind wir in P. glücklich gelandet & ist es hier sehr schön. An der Zollgrenze in Aachen wäre ich beinahe nicht mitgekommen, weil ich der Letzte war. Aber es hat alles noch gut geklappt. Hoffentlich seid Ihr nur alle gesund & ist es alles in bester Ordnung. Nach dem Goldjungen ist mir furchtbar bange. Es wird aber m. G. H. [mit Gottes Hilfe] schon alles werden. Morgen werde ich alles Formalitäten noch erledigen. Mit meinen franz. Kenntnissen kann ich mich tadellos verständigen. Ich staune direkt. Ihr bekommt in den nächsten Tagen sofort wieder Post. Bleibt recht gesund, seid herzlich gegrüßt von Eurem Martin.

In Aachen war 1. Std. Aufenthalt, sodass eintauschen konnten & dann zur Revision gingen. Grus[s] Herta. Tauscht mit zuhause bitte aus, wegen späterer evtl. Pto.=Ersparung & falls größere Berichte gehen.

Anmerkung: Beim Goldjungen handelt es sich höchstwahrscheinlich um Wolfgang Alexander, den Sohn von Leos Bruder Siegfried Alexander. Vgl. dazu auch hier.

Postkarte vom 20. September 1938
Absender: Martin Alexander, 15 Rue Gossec, Paris 12e
Empfänger: Dr. Leo Alexander, Retzbacher Weg 83, Berlin-Pankow

Meine sehr Lieben! Heute, d.h. eben abds. 8h sind wir aus Straßburg zurückgekommen, von wo wir das Visum für Argent. erhalten haben. Wir sind gestern abend abgefahren, in 2 Std. war alles erledigt & haben dort noch gemütlich Mittag gegessen & und um 2h sind wir wieder von dort abgefahren. Jetzt ist G. L. alles so weit erledigt. Ich weiß nun noch nicht , ob wir bis zum 8.10. in Paris bleiben, oder ob wir vorher nach Marseille fahren, um dort zu bleiben. Auf dem Schiff fahren wir I. Kl.. Der Consul war äußerst nett, wir haben uns über eine 1/2 Std. über alles mögliche unterhalten. Jetzt möchte ich nur wissen, wie es Euch allen geht & was mein gel. Junge macht. Mir ist furchtbar bange nach ihm. Mit G. H. kann man von drüben etwas tun. Es ist mir natürlich viel angenehmer, nach dort zu kommenals nach Brl. Meine Adresse für Marseille habt Ihr doch. Ich wollte heute eigentlich ausführlich schreiben, bin aber von der Reise zu müde. Die Reise hat natürlich hier der Verein bezahlt. [unleserlich] 600,- Fr. Ich schreibe morgen ausführlich. Die Briefmarken habe ich schon. Grüßt bitte Hansel [?] von mir. Seid doch bitte so gut & sagt nach der Güntzelstr. durch, daß alles in Ordnung ging & daß wir nach dort hinkommen. Wir haben noch nicht nach der Güntzelstr. geschrieben. Schreiben morgen nach dort, damit sie Bescheid wissen. Vielleicht ist Post da & darauf zu antworten. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich sofort Nachricht von Euch hätte. Ihr könnt nach hier schreiben, wenn wir fort sein sollten, wird es nachgeschickt. Ich bin jetzt schon so müde, daß ich nicht mehr weiterschreiben kann. Bleibt nur weiter recht gesund & seid vielmals herzlichst geküsst, bes. mein Wölfchen, von Eurem Martin.

Herzl. Grüße Herta

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