100 Raritäten (5): „Kommerzienrats Olly“ von Else Ury

Else Ury ist berühmt geworden als Verfasserin der für junge Mädchen konzipierten Nesthäkchen-Romane, die zwischen 1913 und 1925 in zehn Bänden erschienen und bis heute – wenn auch sprachlich überarbeitet – verlegt werden. Die Erzählungen über das Leben der höheren Tochter Annemarie Braun aus Charlottenburg erreichten hohe Auflagen und machten Else Ury zu einer der erfolgreichsten Jugendbuchautorinnen der Weimarer Republik. Gut erhaltene Ausgaben ihrer Bücher aus der Zeit vor 1933 sind durchaus gesucht, aber gewiss keine großen Raritäten. Anders verhält es sich mit signierten Ausgaben, die in Antiquariaten kaum zu bekommen sind. Eine solche befindet sich in meiner Bibliothek.

Das Leben der jüdischen Autorin Else Ury, die am 13. Januar 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurde, ist mittlerweile ausführlich erforscht und dokumentiert worden, zuletzt von Marianne Brentzel in Mir kann doch nichts geschehen. Das Leben der Nesthäkchen-Autorin Else Ury (Edition Ebersbach, Berlin 2007).

Das Buch, das ich hier vorstellen möchte, ist kein Nesthäkchen-Roman. Die Erzählung Kommerzienrats Olly erschien erstmals 1913, mein Exemplar stammt aus der 54. – 56. Auflage. Der Schutzumschlag mit einem Titelbild von Wanda Lehre ist leider nur noch fragmentarisch erhalten (immerhin! – Schutzumschläge von Kinderbüchern aus der Vorkriegszeit sind eher selten, zum einen wegen des eher unvorsichtigen Gebrauchs durch junge Leser, zum anderen wurden Kinderbücher häufig gar nicht aufgehoben, wenn die Kinder älter wurden).

Das besondere meines Exemplars ist aber nicht der lädierte Schutzumschlag, sondern die handschriftliche Widmung von Else Ury auf dem Vortitel:

Ursula Nitschke gewidmet. Die Verfasserin. Krummhübel 1930.

Sehr seltene Autorenwidmung von Else Ury während ihres Sommeraufenthaltes in Krummhübel 1930.

In Krummhübel, einem damals sehr beliebten Ferienort im Riesengebirge, erwarb Else Ury Mitte der 1920er Jahre ein Sommerhaus, das sie Haus Nesthäkchen nannte und in dem sie alljährlich mehrere Monate verbrachte. Ihre Biografin Marianne Frentzel berichtet, dass Else Ury gelegentlich junge Leserinnen in ihrem Haus empfing – Ursula Nitschke wird vermutlich eine von ihnen gewesen sein. Sie hat das Buch wahrscheinlich erst in Krummhübel erworben, dies legt die eingeklebte Marke der Max W. Frömberg / Verlags u. Verkehrs- / Buchhandlung / Krümmhübel Berlin nahe.

Vermutlich hat Ursula Nitschke das Buch wegen dieser Widmung aufgehoben. Wie viele Kinder durften Else Ury im Sommer besuchen? Vielleicht zehn, vielleicht zwanzig? Dann gab es vielleicht über die Jahre nur wenige hundert signierte Ausgaben – wenn überhaupt. Bei gelegentlichen Recherchen in den einschlägigen Antiquariatsportalen konnte ich kein zweites signiertes Exemplar finden. Meines habe ich übrigens auf einem Berliner Flohmarkt gefunden, wie so viele andere Raritäten für gerade einmal einen Euro.

1933 erscheint das letzte Buch von Else Ury in Deutschland, 1935 wird sie aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Ihr Sommerhaus in Krummhübel besucht sie ein letztes Mal 1939, das Anwesen wird 1942 beschlagnahmt und dem Deutschen Reich zugeschlagen; das Gebäude ist erhalten. Am 13. Januar 1943 wird Else Ury nach Auschwitz deportiert und direkt nach ihrer Ankunft ermordet.

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