Gerade gelesen: „Wenn’s brennt“ von Stephan Reich

Dies vorweg: Ich bin ein großer Freund von „Coming-of-Age“-Romanen. Ich mag ihre Sentimentalität, ihre Wehmut und ihre etwas verklärende Sicht auf das Erwachsenwerden. Stephan Reich erzählt in seinem bereits 2016 erschienenen Roman Wenn’s brennt von den letzten großen Ferien einer langen Jungenfreundschaft: Nach Abschluss der zehnten Klasse wird der Ich-Erzähler Erik eine Lehre bei der Post beginnen, sein Freund Finn wechselt die Schule und verlässt die Kleinstadt. Den letzten Sommer aber verbringen sie noch einmal gemeinsam.

Stephan Reich: Wenn’s brennt. Roman. DVA, 2016. –
Hinweis: Bücher kauft man am besten bei seiner lokalen Buchhandlung.

Dies könnte der Rahmen einer sentimentalen Sommernovelle sein, doch Stephan Reich überhöht seine handelnden Personen nicht zu tragischen Helden. Er schildert vielmehr vor dem Hintergrund der öden Kleinstadt und erschöpften, auseinander brechenden Familien die banalen, kraftmeierischen Vergnügen sechzehnjähriger Jungs – sehr viel Alkohol, Drogen, Gewalt, Langeweile, ein wenig unbeholfener Sex. Das macht weder Erik noch Finn besonders einnehmend. Aber Stephan Reich gelingt es, in drastischen, teilweise obszönen Dialogen die darunterliegende Hilflosigkeit, die Orientierungslosigkeit und die Sehnsucht seiner Helden deutlich zu machen – die sich bei Finn mehr und mehr in Aggression entlädt, während Erik sein Phlegma kaum überwinden kann. So eskalieren die Erlebnisse der Helden von Kapitel zu Kapitel bis hin zu einem dramatischen Ende.

Die große Stärke des Buches ist seine ungeschönte Ehrlichkeit. Wo Wolfgang Herrndorfs Tschick so überzeugend surreal ist, sind Stephan Reichs Helden überzeugend real. Die Dialoge sind in ihrer Schroffheit und Härte ebenso glaubhaft wie die handelnden Personen in der Ambivalenz ihres Handelns und Fühlens. Gleichzeitig beeindrucken mich sowohl der Erzählfluss wie auch die sprachliche Qualität des Buches.

Wer also wie ich das Genre mag, dem sei die Lektüre ans Herz gelegt. Derzeit ist das Buch wohl nur noch als E-Book oder antiquarisch zu bekommen.

Disclaimer: Ich trinke mit dem Autor des Buches nach Fußballspielen der Frankfurter Eintracht hin und wieder ein Bier.

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