Lebenszeichen aus Belzyce (1): eine Postkarte von Erna Reich

Die hier vorgestellte Postkarte ist ein besonders eindrucksvolles Zeitdokument aus meiner Sammlung. Geschrieben wurde sie im November 1940 von der Stettiner Jüdin Erna Reich, die am 12./13. Februar 1940 aus ihrer Heimat in den Distrikt Lublin deportiert wurde. Die damals 56jährige Erna Reich war eine von 245 Deportierten von über 1.100 dieses Transportes, die in die Kleinstadt Belzyce gebracht wurde. Von dort schrieb sie offensichtlich regelmäßig Post an den Vorstand der jüdischen Gemeinde in Braunschweig. In der hier gezeigten Postkarte berichtet sie über den Ablauf einer jüdischen Beerdigung an ihrem Deportationsort.

Vorderseite der Postkarte von Erna Reich an die Jüdische Gemeinde Braunschweigs. Poststempel Belzyce über Lublin vom 20. November 1940. Es finden sich keine Hinweise auf deutsche Zensur.

Der vollständige Text der Postkarte lautet wie folgt:

An den Vorstand
der jüd. Kultusgemeinde
Braunschweig
Hennebergstr. 7

Belzyce b/ Lublin in Polen d. 19.11.40
Sehr geehrter Herr Vorstand der jüd. Gemeinde Braunschweig
Vorgestern hatte mich das Schreiben etwas angegriffen und ich übersah infolgedessen, Ihnen noch Sie interessierende Eigentümlichkeiten dieser Gegend zu berichten. Ich werde dies gelegentlich nachholen. Heute z. B. „Eine jüdische Beerdigung.“ Die Leiche wird, mit Wäsche bekleidet, in ein Laken gehüllt, auf einem Leiterwagen zum Friedhof gefahren (Am Tage nach dem Ableben.) Die Gruft, ziemlich flach, wird ringsherum mit vier Brettern ausgelegt. Jemand unserer Notgemeinschaft steht in der Gruft & bettet den Toten, der von 2 Kameraden runtergereicht wird. D.h. ein Sandkissen unter den Kopf, auf Mund & Augen je ein Stück Scherben, in die Hand ein Laubzweig, damit der Verstorbene am Tage der Auferstehung die Erde wegfegen kann. Dann kommen noch zwei Bretter darauf, einige Laubzweige, dann die Erde. Einer unserer frommen Herren spricht ein paar Worte, ein anderer singt etwas jüdisch, dann das Kaddischgebet. Unsere Stettiner Hügel sind ordnungsgemäß aufgebaut, mit Zinkschildern versehen. Erna Reich

Der Herr Vorstand der jüdischen Gemeinde Braunschweig ist 1940 Max Guhrauer, der selbst im Jahr 1943 nach Theresienstadt deportiert wird und dort kurze Zeit später umkommt.

In der spärlichen Literatur zu den Transitghettos (zum Beispiel bei Robert Kuwalek) wird wiederholt auf die großen kulturellen Unterschiede und die empfundene Fremdheit zwischen den städtischen, meist assimilierten Juden Stettins und der unter einfachsten Bedingungen lebenden jüdischen Bevölkerung in den ostpolnischen Stetls hingewiesen. Auch im Schreiben Erna Reichs klingt das an, wenn sie schreibt, die „Stettiner Grabhügel“ (also die der verstorbenen Deportierten aus Stettin) seien „ordnungsgemäß aufgebaut“.

Erna Reich hat die Deportation nicht überlebt. Ihr Name findet sich in der Deportationsliste des Stettiner Transports als Nr. 810 mit dem Geburtsdatum 26. Mai 1883, dem Geburtsort Thorn in Westpreußen (heute Torún), Stand „verheiratet“, Beruf „ohne“, früherer Wohnort Stettin. Ihre Eltern waren Gustav Gabali und Becky, geb. Engel. Ihr Eintrag im Gedenkbuch des Bundesarchivs vermerkt zu ihren Todesumständen „Belzec, Vernichtungslager“. Das Ghetto in Belzyce wurde am 22. Mai 1942 aufgelöst, vermutlich wurde Erna Reich auf Grund Ihres Alters als nicht arbeitsfähig angesehen, nach Belzec gebracht und dort ermordet.

Zum Empfänger der Postkarte und dem Schicksal des Hauses Hennebergstr. 7 in Braunschweig finden sich in der Wikipedia interessante Hinweise. Der „sehr geehrte Herr Vorstand“ war Max Guhrauer, der im Juni 1943 im KZ Theresienstadt starb. Vor dem Haus Nr. 7 in der Hennebergstraße liegen heute Stolpersteine zur Erinnerung an sieben ehemalige jüdische Bewohner.

Zur Beziehung von Erna Reich zur jüdischen Gemeinde Braunschweigs habe ich keine Hinweise gefunden. Auffällig ist zumindest der förmliche Ton der Postkarte, der keinen familiären Hintergrund nahelegt. Möglicherweise kam der Kontakt zustande über Hilfssendungen, die von jüdischen Gemeinden aus dem Deutschen Reich an die Deportierten versandt worden sind (siehe dazu die Postkarte von Herbert Finkelscherer, die ich in einem früheren Post dokumentiert habe).

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