Der Tag, an dem ich Fan von Eintracht Frankfurt wurde

Am 8. Mai 1971 besuchte ich das erste Mal ein Bundesliga-Spiel. Ich war gerade sechs Jahre alt geworden und im Berliner Olympiastadion empfing der Tabellendritte Hertha BSC die abstiegsbedrohte Eintracht aus Frankfurt. Die Berliner drehten einen frühen Rückstand und siegten ungefährdet mit 6:2. Dennoch entschied ich mich an diesem 8. Mai 1971, so ungefähr gegen 17:00 Uhr, von nun an Fan von Eintracht Frankfurt zu sein.

Im Dezember 1970 zog meine Familie aus dem nördlich von Hamburg gelegenen Quickborn nach Berlin. Hier hatte mein Vater eine neue Stelle gefunden. Ich, fünf Jahre alt und noch ohne Freunde in der fremden Stadt, erwartete meine bevorstehende Einschulung im Sommer 1971. Mein älterer Bruder Andreas ging bereits in die erste Klasse. Zu seinen Klassenkameraden zählte der Sohn des zweiten Torhüters von Hertha BSC. Oliver wurde bald regelmäßiger Gast bei uns. Durch seine Fürsprache durfte ich in den Dahlemer Parks beim Fußball mit den älteren Kindern mitspielen. So erwachte meine Liebe für diesen Sport und Oliver wurde mein bester Schulfreund.

Nach jahrelangem Suchen konnte ich im Januar 2020 endlich ein originales Programmheft meines allerersten Fußballspiels erwerben. Der offensichtlich jugendliche Erstbesitzer vermerkte darin das Ergebnis und die Torschützen.

Einige Wochen nach meinem sechsten Geburtstag durfte ich dann meinen Vater, einen leidenschaftlichen Anhänger des Hamburger SV, erstmals ins Stadion begleiten. Es war eben jener 8. Mai 1971, der 30. Spieltag der achten Bundesliga-Saison. Während Hertha BSC noch Meister werden konnte, kämpfte Eintracht Frankfurt gegen den Abstieg. Doch das lernte ich erst viel später. Vermutlich war mir bis zu diesem Spiel sowohl die Existenz der Stadt Frankfurt als auch die des Vereins Eintracht gar nicht bekannt.

Die Mannschaftsaufstellungen am 8. Mai 1971: Die Frankfurter Eintracht spielte mit den späteren Weltmeistern Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein. Die Innenverteidiger Dieter Lindner und Friedel Lutz standen bereits am 18. Mai 1960 beim legendären 3:7 gegen Real Madrid für die Eintracht auf dem Platz. – Bei Hertha BSC als Reservetorhüter auf der Bank: Michael Kellner, der Vater meines späteren besten Freundes Oliver.

Von diesem ersten Stadionbesuch habe ich nur noch ganz vage Bilder im Kopf. In meiner Erinnerung war es ein warmer Frühsommertag und wir saßen „Oberring Kurve“, mein Vater kaufte immer die günstigsten Karten. Ich erinnere mich an derbe Männer in blau-weißen Kutten, laut schreiend, einige offensichtlich betrunken. Die Lautstärke um mich herum machte mir Angst. All das hatte ich bis dahin noch nie gesehen.

Im Mai 1971 sah es nicht gut aus für Eintracht Frankfurt. Nach der 2:6-Niederlage in Berlin rutschte die Mannschaft auf Platz 17. Am Ende der Saison konnte aber mit Tabellenplatz 15 noch die Klasse gehalten werden.

Nichts wäre angesichts des deutlichen Heimsiegs für mich leichter gewesen, als gemeinsam mit den zahllosen Berlinern im Block zu jubeln und Fan von Hertha BSC zu werden, so wie die vielen Jungs es waren, mit denen ich im Park Fußball spielte. Was mich aber davon abhielt, und das weiß ich noch genau, waren meine Sitznachbarn. Sie beleidigten die Frankfurter Mannschaft und belegten sie mit ordinären Schimpfworten, vor denen ich erschreckte, obwohl ich deren Bedeutung damals nur ahnen konnte. Diese Menschen stießen mich ab, zu ihnen wollte ich nicht gehören.

Ungewollt entwickelte ich Mitleid mit den Geschmähten. Ich fühlte mich ihnen zugehörig. Meine Zuneigung gehörte den Verlierern, die ein Tor nach dem anderen kassierten und dabei verlacht wurden von den hämischen Männern. Immer wenn diese die Frankfurter Eintracht beleidigten, dann fühlte auch ich mich beleidigt. Ich wünschte mir Frankfurter Tore, doch der Spielverlauf wurde immer bitterer und die Eintracht verlor hoch.

Der erste Kontakt mit den späteren Lieblingen meiner Kindheit: Mit den Namen Hölzenbein, Grabowski, Nickel, Dr. Kunter, Kalb und Reichel wurde ich groß. Beim eigenen Spielen in den Parks war ich fortan meist Bernd Hölzenbein („Holz“).

Als wir das Stadion nach Spielende verließen, bat ich meinen Vater, mir eine kleine Fahne von Eintracht Frankfurt zu kaufen. Überraschenderweise tat er das. Ich betrachtete die Fahne während der Rückfahrt im Auto voller Stolz und wusste, dass ich von nun an Fan von Eintracht Frankfurt sein wollte. Und so kam es dann auch.

Diese ohne Zweifel ein wenig zufällige Entscheidung machte mich während meiner Berliner Kindheit zumindest fußballerisch zum Einzelgänger, doch habe ich niemals an ihr gezweifelt. So gilt sie bis heute und darüber bin ich sehr froh.

Berliner Reminiszenzen aus dem Programmheft vom 8. Mai 1971: Der TuS Wannsee ist Favorit gegen den VfL Nord (Spiel 33) und das Mai-Volksfest am Lützowplatz wirbt mit Diskothek, Gespensterbahn und „weiteren in Berlin noch nie gezeigten Attraktionen“.

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