Lebenszeichen aus Piaski (3): Eine Postkarte von Herbert Finkelscherer

Im August 2019 konnte ich eine weitere Karte aus dem Ghetto Piaski erwerben, die von einem der am 12. Februar 1940 aus Stettin deportierten Juden geschrieben wurde. Verfasser ist Dr. Herbert Finkelscherer, der von 1938 bis 1940 Rabbiner der Stettiner Synagogengemeinschaft war. Die Postkarte wurde am 17. Dezember 1940 geschrieben, also rund zehn Monate nach der Deportation.

Postkarte Finkelscherer Piaski RS

Herbert Finkelscherer schreibt an Klara Ems:

Piaski, den 17.12.40

Sehr geehrte Frau Ems,
Heute erhielten wir Ihre 3 schönen Einschreibpäckchen, enthaltend 3 Bezüge und 3 Überschlaglaken. Wir sind Ihnen ausserordentlich dankbar dafür, denn wie wir Ihnen wohl schon schrieben, herrscht nach diesen Sachen dauernde Nachfrage bei unseren Leuten: die Wirte geben nicht mehr gern ihr Bettzeug, bei dem seit Freitag wirklich eingetretenen starken Frost braucht man ein warmes Zudeck mehr als nötig (unser Gemeinschaftsraum für den Tagesaufenthalt ist wenigstens schön warm, allerdings auch entsprechend unruhig) – und bei der Neigung zu Ausschlägen ist es mehr als erwünscht, nicht unmittelbar in den rauhen Decken und auf dem Stroh zu liegen.
So danken wir Ihnen recht herzlich im Namen aller zu Bedenkenden und begrüssen Sie freundlich.
Ihr
Herbert Finkelscherer und Frau.

Über Dr. Herbert Finkelscherer finden sich einige verstreute, wenn auch teilweise widersprüchliche Angaben. Finkelscherer wurde am 19. September 1903 als Sohn des Gelehrten und Rabbiners Israel Finkelscherer (1866-1942) in München geboren. Er hatte einen jüngeren Bruder Bruno (1906-1943), der ebenfalls in München als Rabbiner wirkte und 1943 mit dem letzten Transport aus München nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde.

Offenbar wirkte Herbert Finkelscherer bereits vor April 1935 Rabbiner, vielleicht in München. Im Buch Jüdische Persönlichkeiten aus Offenburg: Kunst, Kultur und Wissenschaft findet sich ein kurzer Absatz zu seiner Biographie, demzufolge er – aus München kommend – zum 1. April 1935 zum Rabbinatsverweser in Offenburg und Bühl bestellt wurde. Aus Offenburg stammt auch seine spätere Frau Flora Mayer, geboren am 3. Mai 1902. Vermutlich kehrte Finkelscherer im Juni 1937 nach München zurück, denn zu diesem Zeitpunkt hält sein Nachfolger in Offenburg seinen ersten Gottesdienst.

1938 wurde Dr. Herbert Finkelscherer dann Rabbiner der Stettiner Synagogengemeinde und blieb dies wohl bis zu seiner Deportation im Februar 1940. Das Gedenkbuch des Bundesarchives gibt an, dass er zwischenzeitlich bis zum 9. Januar 1939 in Sachsenhausen interniert war. Vermutlich wurde Finkelscherer also im Zuge der Novemberpogrome 1938 verhaftet, bei der auch die Stettiner Synagoge zerstört wurde. Am 13. Februar 1940 wird er schließlich mit rund 1.100 anderen Juden aus Pommern nach Piaski deportiert; sein Name findet sich als Nr. 227 auf der Transportliste, seine Frau Flora ist dort als Nr. 228 gelistet.

Bereits kurz nach seiner Ankunft in Piaski schreibt Herbert Finkelscherer eine erste Postkarte an seinen Bruder Bruno und berichtet über die Deportation der pommerschen Juden. Durch Bruno erfährt die bei der Münchner jüdischen Gemeinde angestellte Else Rosenfeld vom Schicksal der Stettiner Gemeinde und beginnt gemeinsam mit Vertrauten und Freunden – darunter Gertrud Luckner – Hilfspakete nach Piaski zu senden. So berichtet sie es in ihrem 1967 erschienenen Buch Lebenszeichen aus Piaski.

Postkarte Finkelscherer Piaski VSDie Stettiner Deportierten trafen in Piaski auf äußerst prekäre Verhältnisse. Ihr Gepäck wurde ihnen beim Transport geraubt und so wurden sie nahezu mittellos bei den in ärmlichen Verhältnissen lebenden jüdischen Familien im Ort einquartiert. Beim Aufbau eines Gemeinwesens scheint Herbert Finkelscherer eine treibende Kraft gewesen zu sein. So berichtet es 1946 einer der ganz wenigen Überlebenden des Stettiner Transports, der Arzt Dr. Erich Mosbach (zitiert nach Wilhelmus, Die Lubliner Judenliste):

Es wurden überall Gemeinschaftsküchen eingerichtet, so daß jeder täglich seine warme Suppe und seinen Kaffee bekam. In Piaski wurde ein eigener Betraum geschaffen, wo Rainowitz wieder sang, und, man kann nicht anders sagen, der Rabbiner Finkelscherer und seine Frau […] bewährten sich sehr. Sie waren beide unermüdlich. Es wurde eine Krankenstube eingerichtet. […]

Diese Verpflichtung zur Fürsorge für seine Gemeinde klingt auch in der vorliegenden Postkarte Finkelscherers an, wenn er von „unseren Leuten“ schreibt und „allen zu Bedenkenden“. Es scheint plausibel, dass Finkelscherer die Verteilung der gespendeten Pakete organisierte und mit den Spendenden in Deutschland korrespondierte, zu denen offensichtlich auch die Empfängerin der hier vorliegenden Dankeskarte, Klara Ems aus Krefeld, gehörte. Da Finkelscherer sie mit „Sehr geehrte Frau Ems“ adressiert, war sie vermutlich keine persönliche Bekannte.

Spätestens mit der Fertigstellung des nahe Piaski gelegenen Mordlagers Belzec im Frühjahr 1942 war das Schicksal der deportierten Stettiner Juden besiedelt. Die Nationalsozialisten deportierten nun zunehmend mehr Juden aus dem Deutschen Reich in die ohnehin überfüllten Ghettos im Distrikt Lublin. Um Platz für die Ankommenden zu schaffen, wurden die bereits dort lebenden Bewohner in die Vernichtungslager gebracht und ermordet. So trifft es die Finkelscherers am 5. April 1942 im Zuge einer großen Aktion, wie eine Postkarte eines (oder einer) in Piaski Verbliebenen dokumentiert (zitiert nach Rosenfeld, Lebenszeichen aus Piaski, S. 95f):

Sehr verehrte Frau Hoyer, es war mir bisher unmöglich, Ihnen mitzuteilen, daß Ihre lieben Eltern am 5. April mit vielen anderen lieben Menschen Piaski verlassen haben. Darunter auch Finkelscherers, Haufs, Frau Ries und viele andere. Nachrichten von all den Lieben sind bisher nicht eingetroffen. […]

Laut Gedenkbuch wurden die Finkelscherers nach Auschwitz deportiert und dort zum 31.12.1942 für tot erklärt. Dies scheint aber zweifelhaft, da die Stettiner Juden sehr wahrscheinlich in das nahe gelegene, im März 1942 fertiggestellte Mordlager Belzec deportiert wurden. Robert Kuwalek berichtet in seiner Monographie über Belzec von einem am 11. April 1942 eintreffenden Transport aus Piaski. Die allermeisten Insassen der Transporte nach Belzec – und so wohl auch Dr. Herbert Finkelscherer – wurden innerhalb weniger Stunden nach Ankunft in Belzec vergast.

Auch die mutige Unterstützerin Klara Ems aus Krefeld überlebte den Krieg nicht. Das Gedenkbuch weist aus, dass sie am 14. Juli 1942 gemeinsam mit ihrem Ehemann Hermann den Freitod wählte, um der Deportation zu entgehen. Eine Website gibt nähere Auskünfte über ihre Lebensumstände. Vor der Krefelder Steinstraße 121 erinnern seit dem Februar 2018 drei Stolpersteine an Klara und Hermann Ems sowie ihren Sohn Kurt, der noch 1938 nach Kolumbien auswandern konnte.

Die hier vorgestellte Postkarte ist das einzige (und somit letzte) mir bislang bekannte Lebenszeichen des Stettiner Rabbiners aus Piaski. An Herbert Finkelscherer erinnert heute ein Stolperstein in der Offenburger Grabenallee 16, die aber nicht seine letzte Wohnanschrift gewesen sein wird. Ein Foto von Dr. Herbert Finkelscherer habe ich bislang nicht finden können.

Ein Gedanke zu „Lebenszeichen aus Piaski (3): Eine Postkarte von Herbert Finkelscherer

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