Internationale Brigaden: ein Brief eines der ersten Kämpfer

Ein außergewöhnliches Stück meiner Sammlung zu den Internationalen Brigaden ist ein Brief von Martin Führer, der als einer der ersten internationalen Antifaschisten nach dem Putsch Francos am 18. Juli 1936 an der Seite der Bürgermilizen sowie der loyalen spanischen Armee kämpfte. Möglicherweise hielt sich Martin Führer am 18. Juli 1936 als Teilnehmer der Volksolympiade in Barcelona auf oder er lebte bereits als politischer Emigrant in Spanien.

Eine der wenigen Aufnahme der Grupo Thaelmann aus den ersten Tagen des Spanischen Bürgerkriegs im Juli 1936. Ob Martin Führer einer der abgebildeten Kämpfer ist, ist nicht bekannt.

Martin („Tini“) Führer wurde am 3. Juli 1903 in Kirchstein (Landkreis Traunstein) geboren und arbeitete als Bauschlosser. Offensichtlich emigrierte er nach 1933 aus Deutschland zunächst in die Tschechoslowakei, bevor er von dort nach Spanien kam. Hier gehörte er in den Tagen nach dem 19. Juli 1936 zu den Mitbegründern der Grupo Thaelmann, die vermutlich aus 22 Männern und drei Frauen bestand. Die Gruppe bekämpfte zunächst die putschenden Militärs in Barcelona und zog anschließend weiter an die Aragon-Front. Im August unterstützte die Gruppe die Verteidigung der Hauptstadt Madrid gegen die anrückenden Faschisten. Bereits Ende August 1936 löste sich die Gruppe wieder auf, die Kämpfer schlossen sich anderen Einheiten an. Martin Führer gelangte zur División Carlos Marx, die an der Aragon-Front stationiert war; aus dieser Zeit stammt auch der hier vorgestellte Brief. Später gehörte Martin Führer als Teniente (Leutnant) der 122. Brigada Mixta an. Er wurde dreimal verwundet. Gegen Kriegsende gelangte er nach Frankreich und war im Camp de Gurs interniert. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

Vorderseite des Umschlags: Leider hat ein Sammler (womöglich der im Brief erwähnte Neffe des Empfängers) eine Marke ausgeschnitten, deshalb ist der Zensurstempel nur unvollständig.

Martin Führer versieht den Brief vom 10. April 1937 mit dem Absender Batallón Rojo de Choque, Seccion Dynamiteros y Granateros, einer kleinen Einheit der Division Carlos Marx, die in Grañén stationiert war. Meines Wissens ist kein zweiter Brief dieser Einheit bekannt.
Ausschnitt des Briefes, eines beidseitig beschriebenen Faltumschlags. Die obere Abbildung zeigt Bauer (Sichel), Soldat (Gewehr) und Arbeiter (Hammer). Er wurde in einer kollektivierten Druckerei in Barcelona hergestellt.

Neben dem für die Geschichte der Internationalen Brigaden durchaus bedeutenden Absender zeichnet den Brief das seltene Briefpapier aus, das propagandistische Darstellungen der republikanischen Milizionäre zeigt. Eigentlich als Faltumschlag produziert, hat Martin Führer den Bogen beidseitig komplett beschrieben und anschließend in einem neutralen Umschlag an einen Freund nach Swolsina bei Brünn versandt.

Der Text des Briefes lautet wie folgt (einige Rechtschreibfehler habe ich korrigiert):

Sierra-Frente, 10. April 1937

Lieber Freund Franz mit Gemahlin!

Da ich nun ein wenig Zeit habe, muss ich Dir nun wieder einige Zeilen schreiben, damit Du siehst, dass ich auch hier Deiner gedenke. Wie ich Dir schon schrieb, bin ich nun wieder seit einem Monat an der Front und bin [?], dass ich wieder heraußen bin, man fühlt sich hier wohler, na Du kennst ja mein Temperament. Werde nicht mehr lange hier in diesem Batallón bleiben, gehe in ein Alpen-Regiment, in dem ich 60-80 Mann gute Scharfschützen organisieren will. Bei uns ist alles in Ordnung und an den sämtlichen Fronten sind wir nun siegreich. Bei uns heißt es „No pasarán“ und die internationalen Faschisten werden sich hier in Spanien ihr Grab graben. Bei uns ist alles gut und [wir] sind voller Kampfesmut.

Du bist erstaunt, dass meine Frau zu mir kommt? Ich glaube es ist meine Pflicht, mein gegebenes Wort zu halten, wo sie stets tapfer zu mir gehalten hat, als es mir in der Emigration schlecht ergangen ist. Du weißt ja, dass ich kein undankbarer Mensch bin. Von Deinem Bruder „Jaro“ hast Du mir gar nichts geschrieben und ich interessiere mich doch für alle, die in meiner schlechten Zeit zu mir gut gewesen sind. Wir haben nun immer „Heiße Tage“ und schwere Märsche.

Bei Euch wird es nun auch schon wärmer sein. Du wirst nun wieder sehr viel Arbeit haben im Frühjahr. Oft sind meine Ge[danken] bei Dir auf Deinem Swolsina und so lange ich lebe, werde ich diese Tage, die ich bei Euch verbrachte, nicht vergessen. Wenn ich am Leben bleibe und vor allem gesund und heil, dann werden wir uns wiedersehen, wenn ich mit meiner Frau nach Wien fahre. Hoffentlich ist bei Dir alles in Ordnung und Deine Familie gesund.

Heute habe ich für Deinen kleinen Neffen noch keine Marken, aber wenn ich nach Barcelona komme, werde ich Dir sämtliche spanischen Marken schicken, die es bis jetzt gibt, mein Wort darauf. In diesem Brief werde ich Dir schon von den neuen drauf kleben. Werde Dir selbstverständlich immer welche beilegen, wenn ich einen Brief an Dich abschicke. Hoffentlich wirst Du nicht müde, mir immer zu antworten. Wenn ich gewusst hätte, dass Dein Neffe ein Sammler ist, dann hättest Du schon öfters von mir bekommen.

Es freut mich, dass Du alle meine Bilder bekommen hast und es würde mich riesig [freuen], wenn Du mir mal eins schicken würdest, wie Du weißt, würde ich es in Ehren halten. Diejenigen, die Du mir gabst, halte ich hoch in Ehren und trage sie immer bei mir, in allen Attacken waren sie mein Begleiter.

Kann Dir nicht schreiben wie ich möchte, aber so viel ist sicher, dass sich unsere Lagevon Tag zu Tag bessert und wir bestimmt mit den Faschisten fertig werden. Allerdings werden die schwersten Kämpfe erst kommen. Nun, mein Franz, werde ich Dich für heute verlassen und in der Hoffnung, dass bei Dir und Deinen Lieben alles in Ordnung ist und wir uns gesund wiedersehen, bin ich mit den herzlichsten Grüßen an Dich und Deine Lieben immer Dein aufrichtiger und alter Freund Tini Führer

Herzliche Grüße an Karl, Jaro, Siska und Familie und Hauby(?)

Ernst Heller, der wohl profundeste Kenner und Verfasser der international maßgeblichen Monographie über Die Geschichte und die Postgeschichte der Internationalen Brigaden (2. Auflage, 2018), stellt diesen Brief übrigens ausführlich auf S. 372 vor.

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