Wie ich den Mauerfall in Berlin erlebte

Irgendwann in der zehnten Klasse musste mein Sohn J. als Hausaufgabe für den Deutschunterricht ein Interview schreiben: „Befrage jemanden aus Deiner Familie zu einem besonderen Erlebnis“. Wir einigten uns darauf über den Mauerfall zu sprechen, den ich als West-Berliner damals unmittelbar miterlebte. So musste ich mich noch einmal erinnern, was ich am 9. und 10. November 1989 in Berlin sah und tat. Das Gespräch wurde dann von uns beiden redaktionell geglättet und mein Sohn erhielt eine recht manierliche Zensur dafür. Bevor diese Schularbeit aber ganz in Vergessenheit gerät, scheint mir der 30. Jahrestag der Maueröffnung geeignet, unser Interview hier zu dokumentieren. 

J.: Der Mauerfall ist sicherlich das zentrale Ereignis der jüngeren deutschen Geschichte. Kamen die Ereignisse am 9. November 1989 eigentlich für Dich überraschend?

Eigentlich nicht, für mich waren sie die logische Folge der Entwicklung der letzten Monate davor. Schon damals zeichnete sich ab, dass die Regierungen der Warschauer-Pakt-Staaten nicht mehr Herr der Lage waren und mehr und mehr die Kontrolle über ihre Bevölkerung verloren. Dank der Perestroijka von Michail Gorbatschow war klar, dass die Sowjetunion nicht mehr eingreifen werden würde, wenn die Leute in den sozialistischen Staaten gegen ihre Regierung rebellierten. Die Ungarn demontierten im Spätsommer ihre Grenzanlagen nach Österreich, so dass dort auf einmal eine offene Grenze entstand, über die DDR-Bürger zu Tausenden in den Westen flüchteten. Im Fernsehen sahen wir die Bilder der Demonstrationen in Leipzig, die der Massenflucht in die deutsche Botschaft in Prag, den später berühmt gewordenen Ausspruch von Gorbatschow zum 40. Jahrestag der DDR. Es war allen klar, dass der Ostblock den Kalten Krieg verloren hatte und in naher Zukunft kollabieren würde. Unklar war nur, wann das passieren würde und ob das ohne Gewalt und Blutvergießen ablaufen würde. Insofern herrschte eine nervöse Stimmung, weil man wusste, dass sehr bald etwas Bedeutendes passieren würde.

Jakob: Was genau hast Du denn am 9. und 10. November 1989 erlebt?

Wie mein Vormittag am 9. November ausgesehen hat, daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Ich war damals Student an der Technischen Universität und werde vermutlich tagsüber Vorlesungen oder Tutorien besucht haben. In einem alten Taschenkalender habe ich den Eintrag gefunden, dass ich ein nachrichtentechnisches Praktikum hatte an diesem Tag. Abends habe ich dann – wie eigentlich fast immer in diesen Tagen – zuhause die „Berliner Abendschau“ angeschaut. Es gab ja noch kein WWW, so dass man für aktuelle Nachrichten auf Fernseher und Radio angewiesen war. Ich kann mich noch genau erinnern, wie auf einmal die Nachricht über die historische Pressekonferenz von Günter Schabowski eintraf, auf der er die unverzügliche Öffnung der Grenzen ankündigte. Eigenartigerweise war die ganze Stimmung in der Sendung trotzdem sachlich und verhalten. Der damalige Bürgermeister Momper bat in der gleichen Sendung sogar die West-Berliner, die sich nun anbahnenden Belastungen auf sich zu nehmen und die erwarteten Ost-Berliner freundlich zu empfangen. Ich habe diese Nachricht damals zwar aufgeregt, aber auch nicht übermäßig euphorisch aufgenommen. Später am Abend schaute ich dann noch die Tagesthemen. Dort nannte der Nachrichtensprecher den Tag zwar „historisch“, an den Grenzübergangsstellen war es aber noch ruhig und es tat sich nicht viel. Es hieß, dass am nächsten Morgen die ersten DDR-Bürger im Westen erwartet würden. Also beschloss ich schlafen zu gehen. Als ich dann am nächsten Morgen aufwachte, hörte ich im Radio, dass noch in der Nacht Tausende die Grenze überquert hätten und auf vielen West-Berliner Straßen, insbesondere am Kurfürstendamm, der Ausnahmezustand herrschen würde.

J.: Du hast also diese historische Nacht verschlafen?

Die Nacht schon. Ich bin dann aber gleich aufgestanden, es mag so sieben Uhr gewesen sein, habe kurz gefrühstückt und habe mich auf den Weg zum Wittenbergplatz gemacht. Dort war es in der Tat sehr voll, aber ich kann mich nicht an sonderlich chaotische Zustände erinnern. Auffällig waren natürlich die vielen DDR-Autos auf dem Tauentzien, die diesen Zweitakter-Gestank verbreiteten. Das kannte man hier vorher nicht. Die DDR-Bürger konnte man an ihrer Kleidung leicht erkennen. Vor vielen Geschäften am Breitscheidplatz bildeten sich lange Schlangen. Ich beschloss, mit der S-Bahn vom Bahnhof Zoo zum Lehrter Stadtbahnhof zu fahren, da ich gehört hatte, dass über die Grenzübergangsstelle Invalidenstraße Ost-Berliner in langen Schlangen nach West-Berlin einreisten. In der S-Bahn hatte ich noch ein bemerkenswertes Erlebnis. Ich saß neben einer DDR-Rentnerin mit vollen Einkaufstüten, die mich mit Berliner Dialekt fragte, ob ich heute auch zum ersten Mal im Westen gewesen sei. Ich verneinte empört und sagte, dass ich West-Berliner sei. Eigenartigerweise empfand ich die Vorstellung, mit einem Ost-Berliner verwechselt zu werden, als herabsetzend. Wir hatten damals eine starke West-Berliner Identität.

J.: Und was spielte sich dann an der Grenze ab?

Ich muss dort so gegen 11 Uhr eingetroffen sein. Der Lehrter Stadtbahnhof war damals dort, wo heute der Hauptbahnhof ist. Der ganze Weg bis zur Invalidenbrücke war überfüllt mit Menschen, man hörte Klatschen, Jubeln, Schreie. Es waren zahlreiche internationale Übertragungsteams vor Ort, das war damals noch kein häufiger Anblick. Die Reporter standen auf Stühlen und Bierkisten und wurden mit hellen Scheinwerfern ausgeleuchtet. Ich kämpfte mich mehrere Hundert Meter durch die Menschenmengen durch bis ganz nach vorne zum Grenzübergang. Unterwegs traf ich einen Kommilitonen, zu dem sagte ich: „Wir schreiben heute Weltgeschichte, wie es scheint.“ – „Sieht ganz so aus“, erwiderte er und verschwand in der Menge. Am Grenzübergang stand ich bestimmt zwei Stunden. Ich fotografierte, schüttelte Hände, klopfte auf die Schultern der einreisenden Menschen und auf die Dächer der einreisenden „Trabanten“. Um mich herum Jubeln, Schreien, Rufe, Weinen. Ich erinnere mich noch genau, wie sehr mich das gepackt hatte, obwohl ich keine persönlichen Kontakte nach Ost-Berlin hatte und die Stadthälfte und ihre Bewohner mir immer fremd waren. Aber diese geballte Emotion um einen herum, der konnte man sich nicht entziehen.

J.: Und dann?

Ich bin dann sehr langsam die Grenze entlang in Richtung Brandenburger Tor gelaufen. überall standen Menschen oben auf der Mauerkrone. Die Menschen schlugen Teile aus der Mauer heraus, teils mit Steinen aus dem Tiergarten, andere hatten tatsächlich schwere Hammer dabei. Die Polizei stand daneben und machte nichts. Am Brandenburger Tor bin ich dann auch auf die Mauer geklettert. Besser gesagt, ich wurde hochgezogen, denn ohne Hilfe kam nicht alleine hinauf. Da stand ich dann vielleicht zehn Minuten und habe darüber nachgedacht, dass ich 24 Stunden vorher dafür noch verhaftet und in ein DDR-Gefängnis gebracht worden wäre. – Wie es dann weiterging, weiß ich nicht mehr genau. Meine Erinnerung setzt erst am Abend wieder ein, als ich mich mit drei Freunden in Kreuzberg verabredet hatte. Wir wollten zur Bernauer Straße, wo gegen Mitternacht eine neue Grenzübergangsstelle eingerichtet werden sollte. Das wollten wir uns ansehen.

J.: Und habt Ihr das geschafft?

Ja, und auf dem Weg dahin hatte ich vielleicht den emotionalsten Moment des ganzen Tages. Du musst wissen, dass die U-Bahn damals zwischen Kreuzberg und Wedding durch Ost-Berliner Gebiet fuhr. Die Ost-Berliner Bahnhöfe dieser Strecke waren seit dem Mauerbau geschlossen und dunkel, die Ausgänge vermauert. Ich hatte sie immer nur so gesehen, Geisterbahnhöfe halt. Als wir aber jetzt, am 10. November 1989, spät abends in einer berstend vollen U-Bahn von Kreuzberg nach Mitte fuhren, waren die Bahnhöfe auf einmal hell erleuchtet und Bauarbeiter brachen die zugemauerten Ausgänge auf. In der ganzen U-Bahn fingen die Menschen an zu schreien, zu jubeln, wir umarmten uns, so gut es eben ging und viele fingen an zu weinen. Ich auch.

J.: Wie ging der 10. November 1989 dann für Dich zu Ende?

Nun, wir erreichten tatsächlich zu viert die Bernauer Straße. Auch hier war alles mit Menschen überfüllt, die den Abriss der Mauer miterleben wollten. Frag mich nicht wie, aber irgendwie schafften wir es tatsächlich auf die Mauerkrone und konnten so, aus vielleicht dreißig Metern Entfernung beobachten, wie ein Kran ein Teil nach dem anderen aus der Mauer riss. Das dauerte einige Stunden bis sehr spät in der Nacht. Es war eine ungeheuer emotionale Atmosphäre, die Leute lachten, schrien ausgelassen ihre Freude heraus. Ständig wurde man von wildfremden Menschen umarmt, geschüttelt oder geküsst. Wahrscheinlich ahnten damals alle, dass sie so einen Tag in ihrem Leben wohl nicht noch einmal erleben würden. – Wie wir da oben zu viert auf der Mauer saßen – Conrad, Mischa, Claudia und ich – und dem Kran zusahen, versprachen wir uns, uns in zwanzig Jahren wieder an dieser Stelle zu treffen und uns an diese Nacht zu erinnern.

J.: Und habt ihr Euch denn getroffen?

Nein, natürlich nicht. Irgendwann Ende der Neunziger Jahre haben wir uns aus den Augen verloren. Ich bin aber sehr sicher, dass auch die anderen drei sich noch genau an diesen Tag erinnern.

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