100 Raritäten (4): „Turngedichte“ von Joachim Ringelnatz

Joachim Ringelnatz hieß eigentlich Hans Bötticher. 1883 im sächsischen Wurzen als Sohn des Schriftstellers Georg Bötticher geboren zieht es ihn früh zur See. So bereist er nach Schule und Militärdienst ab 1901 bis 1903 als Schiffsjunge die Welt und lernt das raue Matrosenleben kennen – für den jungen Bötticher eine identitätsstiftende Erfahrung, der die deutschen Literatur die Figur des naiv-gutmütigen Seemanns Kuttel Daddeldu verdankt. Auf Grund seiner Sehschwäche muss Bötticher 1903 die Seefahrt aufgeben und verdingt sich in verschiedenen kaufmännischen Berufen. Doch es zieht ihn – der sich seit früher Jugend als Schriftsteller versucht – immer stärker zur künstlerischen Bohème in Berlin und München.

Joachim Ringelnatzens Turngedichte

Von Joachim Ringelnatz signiertes Exemplar der Turngedichte.

Ab 1909 erscheinen die ersten Bücher, alle noch unter seinem Geburtsnamen Hans Bötticher: humoristische Lyrik und autobiographische Prosa. Erste Bekanntheit erringt er als Hausdichter der berühmten Münchner Künstlerkneipe Simplicissimus. Diese Jahre beschreibt er sehr eindrücklich im 1928 erschienenen Band Mein Leben bis zum Kriege. Den ersten Weltkrieg dient er in der Kaiserlichen Marine, um anschließend in die Künstlerwelt zurückzukehren, als Kabarettist und reisender Rezitator eigener Werke. 1920 erscheint die erste Publikation unter dem später berühmten Pseudonym: Joachim Ringelnatzens Turngedichte, 16 Seiten groteske Sport-Lyrik, die den restaurativen Geist und die Deutschtümelei nach der weitgehend gescheiterten November-Revolution 1918 aufs Korn nimmt.  Die Satire wurde damals übrigens nicht von allen als solche erkannt. Überliefert ist eine Buchkritik einer Turner-Zeitung, die von dem „Machwerk“ abrät, da die Gedichte für deutsche Turner kaum erbaulich seien.

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Das fingierte Vorwort eines namenlosen Herausgebers sowie das Eröffnungsgedicht Klimmzug.

Von diesem sehr schmalen Heftchen, gedruckt auf einfaches Zeitungspapier, erschienen zwei Auflagen: zuerst 1.000 Exemplare, anschließend das 2. und 3. Tausend. Ich besitze von beiden Auflagen jeweils ein Exemplar, das der späteren Auflage trägt die eigenhändige Signatur des Autors. Erschienen ist das Buch im Alfred Richard Meyer-Verlag in Berlin-Wilmersdorf, damals bekannt für bibliophile Avantgarde. Tatsächlich erschienen bei Meyer die berühmten ersten Gedichtbände von Gottfried Benn sowie zahlreiche Werke des literarischen Expressionismus.

Turngedichte - Rückseite

Fiktives Quellenverzeichnis des Autors auf der Rückseite des Heftes sowie Übersicht über weitere Bücher des Verlages.

In seinem Tagebuch beschreibt Joachim Ringelnatz, dass er bei seinen Vortragsreisen stets Exemplare dieser Hefte dabei hatte und sie nach seiner Lesung an sein interessiertes Publikum signiert verkaufte. Das sicherte ihm, der zu dieser Zeit in sehr bescheidenen Verhältnissen lebte, eine zusätzliche kleine Einnahme. Das hier gezeigte signierte Exemplar konnte ich etwa 2008 erwerben, 2019 kam dann noch ein Exemplar der allerdings unsignierten Erstausgabe in meine Sammlung (tatsächlich habe ich bislang nur signierte Exemplare der zweiten Auflage gesehen).

Die Turngedichte entstanden kurz bevor der bis heute andauernde Ruhm des Dichters einsetzte. Denn noch im gleichen Jahr, 1920, erschien bei Alfred Richard Meyer der erste Band mit Gedichten des Seemanns Kuttel Daddeldu. Mit diesen stieg auch die Bekanntheit von Joachim Ringelnatz, dessen Bücher in den Zwanziger Jahren durchaus beachtliche Auflagen erreichten. 1933 erhielt Ringelnatz Auftrittsverbot, 1934 starb er erst 51-jährig an Tuberkulose. Sein Grab liegt auf dem Waldfriedhof in Berlin-Westend, wo er seit 1930 am heutigen Brixplatz lebte.

Von Joachim Ringelnatz besitze ich übrigens noch weitere seltene und auch signierte Ausgaben, die ich später hier vorstellen werde.

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