Post aus dem Internierungslager St. Cyprien, Juli 1940.

Kürzlich erwarb ich eine Postkarte aus dem südfranzösischen Camp de St. Cyprien, am 21. Juli 1940 in deutscher Sprache eng beschrieben von einem Franz Neumann („Ilot 2, Baraque i9“) und adressiert an Walther Eckstein in New York City. Frankiert mit Briefmarken der französischen Republik, die nur wenige Wochen zuvor, am 22. Juni 1940, vor der deutschen Wehrmacht kapituliert hatte.

franz neumann VS st. cyprien 1940 low res

Der zwanzigjährige Franz Neumann berichtet ausführlich über seine Lage und seine Sorgen nachdem er im Mai 1940 aus dem von den Deutschen besetzten Belgien deportiert worden war.

Die Karte liest sich wie folgt:

St. Cyprien d. 21.VII.40.

Meine lieben Freunde!

Wenn es anders gekommen wäre, würde ich jetzt schon bei euch sein, denn das Visum erhielt ich am 6 Mai. Seit [dem] 10. [Mai] habe ich sehr viel erlebt – gehungert, geängstet um die Eltern, aber nie verzweifelt. Es tut mir leid, ja es ist eine unverzeihliche Nachlässigkeit, daß ich Euch erst heute schreibe, aber ich hoffte immer – na morgen fahre ich ja doch ab. Und so dürften meine geliebten Eltern vielleicht bis heute ohne Nachricht von mir sein! Bitte benachrichtigt sie auf dem schnellsten Wege, daß ich gesund und guten Mutes, wie immer, bin. Seit 4 Wochen sind wir hier zu 4000 Menschen im ehemaligen Lager der Spanienflüchtlinge, am Meer am Fuße der Pyrenäen, bei Perpignan interniert. Wir Visumbesitzer glaubten, als Erste freizukommen, aber augenblicklich darf angeblich niemand aus Frankreich ausreisen – so muss ich warten. Wenn nicht die Sorge und Ungewissheit um die Eltern wäre, weil sie vielleicht noch nichts von mir wissen – eine Karte habe ich unfrankiert abgesandt – würde ich nicht [unleserlich] zu gedrückt sein, denn das Erlebte, je extremer es auch war in seinen Anforderungen an mich, war nur eine innere Bereicherung. Ich besitze nichts als diesen inneren Reichtum und die Kleider, die ich am Leibe trage – omnia mea mecum porto – alles andere ließ ich in Antwerpen.

Vielleicht läuft mein Visum ab, dann am 15.08 dauert es wieder lange, ehe es erneuert und alles geregelt wird. Aber, wenn es mir bestimmt ist, dann werde ich doch noch zu euch kommen. Wie lange ich noch hier bleiben werde weiß ich nicht –  es wird bereits einzeln entlassen, aber sehr langsam. Vor allem – telegraphiert, wenn möglich, sofort den Eltern, daß ich lebe; wenn ich auch hoffe nicht allzu lange mehr hier zu bleiben – morgen kann es schon anders sein – gebt mir doch eine Zeile, daß ihr meine Karte erhalten habt, nicht mehr – selbst wenn es mich nicht erreicht.
Ich danke Euch, Franz

Was genau hat es sich mit diesem Camp de Concentration auf sich und wer war Franz Neumann?

St. Cyprien – Konzentrationslager am Mittelmeerstrand

Um zu verstehen, warum es im Sommer 1940 Konzentrationslager in Südfrankreich gab, muss man anderthalb Jahre zurückblicken – auf das tragische Ende des Spanischen Bürgerkrieges. Am 29. Januar 1939 fällt Barcelona nach zweieinhalb Jahren blutigen Kampfes an die faschistischen Truppen Francos. Die Niederlage der Republik ist damit unabwendbar. Mehrere Hunderttausend Menschen fliehen aus Furcht vor der mörderischen Vergeltung der frankistischen Truppen in Richtung Norden, über die Pyrenäen, nach Frankreich. Es sind dies einfache Bürger, Angehörige der republikanischen Armee, Anarchisten, Antifaschisten, ehemalige Mitglieder der Internationalen Brigaden. Die französische Regierung ist auf diesen Ansturm nicht vorbereitet und verfügt, dass die Flüchtlinge in eilig errichteten, primitiv ausgestatteten Lagern interniert werden sollen. In kurzer Zeit entstehen Dutzende Auffanglager, so auch am 9. Februar 1939 das Camp de Concentration de St. Cyprien, direkt am Strand des kleinen Küstenortes gelegen, wenige Kilometer von Perpignan entfernt.

Zunächst müssen die spanischen Flüchtlinge auf der nackten Erde oder in einfachen Zelten campieren. Später werden einfache unbeheizte Holzbaracken errichtet, zwischen 75 and 125 m² groß, für bis zu 75 Menschen. 28 Baracken bilden einen mit Stacheldraht umzäunten Block (Ilôt) im Ausmaß von 300 x 500 Metern. Insgesamt 13 Blöcke umfasst das Lager, das im März 1939 mit 90.000 Flüchtlingen seine höchste Insassenzahl erreicht. Danach sinken die Zahlen wieder, die Internierten werden auf Lager in anderen Teilen Frankreichs verlegt, in Arbeitskolonnen organisiert oder kehren in der – oft trügerischen – Hoffnung auf gerechte Behandlung nach Spanien zurück.

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Das Lager St. Cyprien hatte eine eigene Post sowie einen eigenen Poststempel „Camp St. Cyprien-Plage“ Pyr[enées] Or[ienta]les – hier abgebildet auf einer Sammler-Collage. Das Porto für eine Postkarte betrug damals 60 Centimes, für einen Brief 90 Centimes. Die Karte von Franz Neumann wurde jedoch im nahen Ort Elne gestempelt.

Es sind nur wenige Fotografien des Lagers überliefert, sie sind aber alle mit Copyrights belegt, so dass ich sie hier nicht zeigen kann. Einige Bilder zeigt z.B. die Website jewishtraces.org.

 

Aus Belgien verschleppt

Am 10. Mai 1940 überfällt die deutsche Wehrmacht Belgien, Luxemburg, die Niederlande und Frankreich. Belgien, das als eines der letzten westeuropäischen Länder noch jüdische Flüchtlinge aus Deutschland aufgenommen hat, beginnt noch am gleichen Tag Tausende von vor den Nationalsozialisten Geflohene als unerwünschte Ausländer zu internieren. Der Historiker Christian Eggers, der über die südfranzösischen Lager promoviert und ein Standardwerk zu diesem Thema publiziert hat, schätzt die Anzahl der – übrigens ausschließlich männlichen – Verhafteten auf etwa 10.000.

Einen Tag später, am 11. Mai 1940, fragen die belgische Polizeibehörden bei ihren französischen Kollegen an, ob die Internierten nicht nach Frankreich abgeschoben werden können – in die für die spanischen Bürgerkriegsflüchtlinge errichteten Lager, die im Sommer 1940 schon wieder weitgehend geräumt sind. Die Franzosen sagen zu und bereits am 12. Mai verlassen mindestens vier Züge mit Tausenden internierter Flüchtlinge Brüssel. Am 14. Mai überqueren sie die französische Grenze. Die Umstände der Abschiebung sind brutal: Betroffene berichten später, dass sie in den ersten Tagen der Reise nicht mit Essen und Wasser verpflegt worden seien und auch kein Gepäck oder persönliche Habe mitnehmen durften. Einzelne Flüchtlinge überleben die Bahnfahrt nicht.

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Franz Neumann schreibt die Postkarte am 21. Juli 1940, in der chaotischen Übergangszeit nach der Kapitulation Frankreichs. Kurze Zeit später hat sich das Petain-Regime etabliert und die Situation für die deutschen Flüchtlinge verschärft sich.

Franz Neumann deutet die Umstände der Deportation an: er nennt den 10. Mai als Start seiner Odyssee – der Tag, an dem er vermutlich in Antwerpen verhaftet wurde. Er erwähnt das Hungern, das er bei seiner Deportation aus Belgien erleiden musste. Und er berichtet, dass er nur das besitze, was er am Leibe trage.

In Frankreich werden die Abgeschobenen nach weiteren Tagen Irrfahrt zunächst auf mehrere kleinere Lager südlich der Loire verteilt, bevor sie einige Wochen später nach St. Cyprien verlegt werden. Franz Neumann berichtet in seiner Postkarte, dass er bereits seit vier Wochen im Lager sei, so dass sich daraus eine Ankunft in St. Cyprien um den 23. Juni herum ergibt – gut sechs Wochen nach seiner Verhaftung in Belgien.

Hinweise auf Franz Neumann

Was lässt sich heute noch über Franz Neumann herausfinden? Einige biographische Details finden sich im 1999 erschienenen „Biographischen Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933–1945“. Dort liest man:

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Franz Neumann verließ seine österreichische Heimat also im Alter von 18 Jahren und war zum Zeitpunkt seiner Deportation nach St. Cyprien gerade einmal 20 Jahre alt – das macht die in der Karte ausgedrückte Sorge um die Eltern verständlich. Von Belgien aus bereitete er offenkundlich seine Ausreise in die USA vor („…würde ich jetzt schon bei Euch sein“) und besaß dafür seit dem 6. Mai die erforderlichen Visa. Seine Verhaftung vier Tage später verhinderte die Abreise. Auch die Hoffnung, von St. Cyprien aus in die USA zu gelangen, erfüllten sich nicht. Schon im Herbst verschärfte das Vichy-Regime im unbesetzten Teil Frankreichs die Repressionen insbesondere gegenüber jüdischen Flüchtlingen erheblich.

Gefangene und Hilfsorganisationen beschrieben die hygienischen Bedingungen im Lager St. Cyprien als katastrophal. 1940 kam es zunächst zu einer heftigen Typhus-Epidemie. Nach Überflutungen im Herbst 1940 wurde das Lager am 30. Oktober 1940 geschlossen und die verbliebenen Insassen auf andere Internierungslager verteilt. Franz Neumann wurde mit vielen anderen nach Gurs überführt, später dann nach Les Milles, ein Lager überwiegend für jüdische Flüchtlinge.

Es ist beruhigend zu wissen, dass Franz Neumann die Internierung und auch eine spätere Gestapo-Haft überlebte, wie es der biographische Hinweis anzeigt. 1966 zieht Neumann in die Bundesrepublik Deutschland, nach 1970 verliert sich dann die Spur (zumindest mit meinen Möglichkeiten der Recherche). Franz Neumann wäre heute 99 Jahre alt.

Etwas konnte ich auch zum Empfänger der Karte herausfinden. Walther Eckstein war vor 1938 Vorsitzender der Ethischen Gemeinschaft Wien und gab u.a. die Schriften Spinozas heraus. Nach der Annexion Österreichs 1938 wurde er festgenommen, kam jedoch mit Unterstützung amerikanischer Freunde frei und konnte in die USA auswandern. Er starb 1973 im Alter von 81 Jahren, noch immer an gleicher Adresse in der Bronx wohnend, an die Franz Neumann aus St. Cyprien schrieb.

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