Lebenszeichen (2): Elsa Goldschmidt schreibt aus Piaski

In einem früheren Beitrag habe ich bereits einiges über das Transitghetto Piaski und die Deportation der Stettiner Juden im Februar 1940 geschrieben. Nun kann ich eine weitere Postkarte aus Piaski dokumentieren, die ich kürzlich erwerben konnte.

Geschrieben hat die Postkarte Elsa Goldschmidt (geboren am 22. März 1891 in Quedlinburg), vor ihrer Deportation wohnhaft in Stettin. Der Stempel trägt das Datum vom 2. November 1940. Elsas Ehemann, der Kaufmann Hermann Goldschmidt (geboren am 29. Mai 1878 in Stargard), hat am Schluss der Karte ebenfalls mit einem kurzen Gruß unterschrieben. Elsa und Hermann Goldschmidt sind als Nr. 298 und 299 in der vom Lubliner Judenrat aufgestellten Namensliste der aus dem Regierungsbezirk Stettin deportierten Juden und Jüdinnen aufgeführt.

Bei dem Empfänger handelt es sich sehr wahrscheinlich um Herbert Zvi Nothmann (geboren 1891 in Posen). Sein Name findet sich im Gedenkbuch des Bundesarchives mit dem Hinweis, dass er am 13. Januar 1943 mit dem Transport Cr aus Berlin nach Theresienstadt und von dort zehn Tage später weiter nach Auschwitz deportiert wurde.

Postkarte Goldschmidt Piaski VSPostkarte Goldschmidt Piaski RSDie Karte liest sich wie folgt:

Herrn Herbert Nothmann
Berlin-Charlottenburg
Bismar[c]kstr. 12

Piaski 2/XI. 40

Meine lieben Nothis, heute kann ich Ihnen aber eine sehr erfreuliche Mitteilung machen, die Sie sich wohl auf Ihr Conto zugute rechnen können. Gretel hat uns 20 RM. durch ihre Bank überwiesen, heute bekommen wir die Formulare, hoffen wir, daß es recht bald klappt. Sie glauben gar nicht, wie wir uns darüber freuen & wie dankbar wir Ihnen sind. Jetzt sind wir dann in der glücklichen Lage, zusätzlich Torf zu kaufen, damit wir nicht so frieren. Die Betten haben wir nun auch bekommen & ist dies eine sehr große Wohltat für uns. Wenn wir nur nicht so große Sorgen um unseren Jungen & alle Lieben dort hätten, ich kann keine Nacht vor Sorge schlafen. Wie ist es denn bei Ihnen, sind Sie auch zum Arbeitseinsatz eingesetzt. Wenn ich nur erst über alles Klarheit hätte, man hört zuviel.

Haben Sie Nachricht von Ihren geliebten Kindern? Hoffentlich recht gute? Wie fühlen Sie sich, strengt Sie Ihre Arbeit noch so sehr an? Wenn es nicht zu unbescheiden ist, so bitte ich Sie, erfreuen Sie uns bald einmal wieder mit einigen lb. Zeilen. Wünsche viel Gutes & grüße innigst

Ihre Elsa G.

(?) herzliche Grüße Ihr Hermann Goldschmidt
Um etwas Lesestoff wäre sehr dankbar

Die Absenderangabe lautet

Elsa Goldschmidt,
Piaski – Lublin
Furmanska 2.

Eine Straße dieses Namens findet sich noch heute in Piaski, auf Google Maps zeigt sich unvollständige Bebauung, wie ich sie mehrfach auf dem Terrain aufgelassener Ghettos rund um Lublin gesehen habe.

Von Elsa und Hermann Goldschmidt gibt es keine Todesdaten. Entweder sind sie im Ghetto gestorben oder sie wurden 1942 bei der Räumung des Ghettos Piaski in eines der Vernichtungslager der Aktion Reinhardt deportiert und dort vergast.

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