Berlin im November 1938: „…und dann mußte er verreisen.“

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„… und dann musste er verreisen.“ Im Berliner November 1938 hieß das nichts anderes als Verhaftung.

Vor kurzem erwarb ich eine Postkarte, die am 17. November 1938 in Berlin verfasst und nach Jerusalem versandt wurde. Das Datum und der Wohnort des Empfängers lassen aufmerken. Denn acht Tage zuvor, am 9. November 1938, verwüstete ein organisierter Nazi-Mob überall in Deutschland jüdische Geschäfte und Wohnungen und zerstörte 1.400 Synagogen. Hunderte starben bei den Pogromen und über 30.000 Juden wurden in den Tagen danach verhaftet. Die Postkarte ist ein Zeugnis dieser Ereignisse, wenn man nur ein wenig zwischen den Zeilen liest.

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Acht Tage nach den November-Pogromen in Berlin informiert Rosa Baneth ihren Stiefsohn David in Jerusalem über die Verhaftung seines Bruders.

Der Text der Karte lautet wie folgt:

Berlin 17 Nov. 1938

Lieber Harti,

habe vielen heißen Dank für deinen l. Brief. Ich glaube den Brief den ich Euch schickte war ziemlich nervös geschrieben es war auch kein Wunder. L. ging schwer von mir weg, ich hatte mir die größte[n] Vorwürfe gemacht, daß ich ihn fortließ, und dann mußte er verreisen — Gestern kamen Teppichs aus K. die mir Bericht erstatteten, man muß abwarten, etwas Hoffnung habe ich, daß er Freitag kommt gebe es Gott. ich lasse ihn nicht mehr fort. Auf jeden Fall wird er Pflege brauchen denn wie ich ihn kenne ißt er auf der Reise nichts. Lieber Harti wie du aus dieser Karte ersiehst, bin ich Nebensache und Leo die Hauptsache. L. muß so schnell wie möglich weg, in diesem Sinne habe ich auch an Noemy (?) geschrieben

L. war immer so schreibfaul Noemy hat er nicht einmal geantwortet auf einer Einladung hoffentlich bringt Noemy etwas fertig. Sehr schwer wird es mir werden mich von Leon zu trennen er muß jemand haben der für ihn sorgt. Wie er von der Reise zurückkommt schreibe ich Euch mit Flugpost. Grüße und Küsse die l. Erna, u. Hillel sei Du innigst geküßt und bedankt von Deiner Rosa B

Bei einer Postkarte aus dem Berliner November 1938 darf man sich sicher sein, dass es hier wohl kaum um einen überstürzt Abgereisten geht, sondern dass der genannte Leon im Zuge der Pogrome verhaftet wurde. Die Formulierung „verreisen“, die die Verfasserin wiederholt verwendet, war damals eine bekannte Chiffre für „verhaftet werden“. Auch weiß die Verfasserin offensichtlich nicht, wann Leon zurückkehrt (also entlassen wird), doch ist sie sich sicher, dass sie ihn dann pflegen muss, da er „auf der Reise“ nichts essen werde. Deutlich spricht die Verfasserin an, dass Leon Deutschland unbedingt verlassen müsse, auch wenn ihr eine gemeinsame Emigration nicht möglich scheint.

Wenn man eine solche Karte in den Händen hält, ein authentisches Stück Zeitgeschichte, drängen sich Fragen auf: Was ist aus Rosa und Leon geworden? Was lässt sich noch über ihr Schicksal herausfinden? Haben sie den Holocaust überlebt?

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„In jedem Fall wird er Pflege brauchen.“ Die Schreiberin macht sich wenig Illusionen, was Leon Baneth in der Haft durchmachen muss. Sie schlussfolgert: „L. muss so schnell wie möglich weg.“

Ich beginne meine Spurensuche mit dem Empfänger der Karte, Dr. David H. Baneth – von diesem kenne ich zumindest den exakten Vor- und Zunamen. Nicht ganz unerwartet werde ich schnell fündig. David Hartwig Baneth wurde 1893 im damals noch preußischen Krotoschin geboren. Sein Vater, Eduard Baneth, war dort Rabbiner, bevor er später als international renommierter Talmudgelehrter Professor an der liberalen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums (HWJ) in Berlin wurde. So gelangte David Baneth nach Berlin, wo er zur Schule ging und studierte, unter anderem auch an der HWJ. Bald nach seinem Studium, zu Beginn der Zwanziger Jahre, wanderte er nach Jerusalem aus. Dort forschte und lehrte er als Orientalist und Religionsphilosoph an der Hebräischen Universität, zuletzt als Professor für Arabistik. Zu seinen Bekannten und Kollegen an der Jerusalemer Universität zählten u.a. Werner Kraft und Gershom Scholem, die ihn beide in autobiographischen Schriften wiederholt erwähnen. David Baneth verstarb 1973 in Jerusalem.

Als nächstes mache ich mich auf die Suche nach Leon. Aufgrund der Vertraulichkeit des Textes der Postkarte vermute ich, dass der dort genannte Leo bzw. Leon ein Verwandter von David Baneth ist und ebenfalls Baneth hieß (gleiches vermutete ich für die Absenderin Rosa, die ihren Nachnamen auf der Karte mit „B“ abkürzte). Tatsächlich finde ich im 2009 erschienenen Werk Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871-1945 von Michael Brocke und Julius Carlebach eine kurze Biographie von Dr. Leon Baneth. Demnach wurde er am 9.12.1891 in Krotoschin als Kind von Eduard Baneth und Dinka Friedmann geboren. Er studierte in Berlin, u.a. ebenso wie sein Bruder am HWJ und wurde noch 1918 einer von etwa 30 Feldrabbinern des deutschen Heeres. Von 1922 (wohl: 1921) bis nach 1933 wirkte er als konservativer Rabbiner in Köthen/Anhalt, 1935 dann an einem Jüdischen Lehrerseminar (wohl in Berlin). Zuletzt findet sich noch der Satz „Emigration nach England mit seiner Frau Marischen(?)“. Am 18. April 1958 verstarb Dr. Leon Baneth in London.

Damit sind bereits einige Fragen geklärt. Leon ist also tatsächlich Dr. Leon Baneth, der leibliche ältere Bruder des Empfängers der Postkarte. Und er hat nicht nur die Haft im Anschluss an das Novemberpogrom 1938 überlebt, es ist ihm sogar gelungen, gemeinsam mit seiner Frau Deutschland rechtzeitig zu verlassen (dies war theoretisch noch bis Oktober 1941 möglich). Als Rabbiner und jüdischer Gelehrter war er vermutlich besonders gefährdet.

Noch aber bleiben wichtige Fragen offen. Zum einen, wer die Karte geschrieben hat, wer also Rosa B ist? Zum anderen, wer sich hinter der im Text mehrfach erwähnten Noemy verbirgt, die möglicherweise Leon zur Flucht verhelfen könnte?

Aus dem Text der Postkarte wird deutlich, wie sehr sich Rosa mit Leon verbunden fühlt. Sie ist es, die sich um ihn kümmert, die auf seine Freilassung wartet und der es sehr schwer fallen wird, sich von ihm zu trennen. Damit kann es sich eigentlich nur um seine Ehefrau, seine Mutter oder eine Schwester handeln. Brocke/Carlebach geben den Namen der Frau von Leon Baneth als „Marischen(?)“ an (vermutlich ein Lesefehler von Mariechen). Damit käme also eine Maria oder Marie in Frage – oder vielleicht eine Rosemarie?

Ich mache mich also auf die Suche nach Hinweisen auf den Namen der Ehefrau von Dr. Leon Baneth, doch nirgends finde ich einen Hinweis. Immerhin gelange ich auf die Website www.geni.com, die sich der besonders in den USA populären Ahnenforschung widmet. Hier hat ein Familienmitglied der Baneths Informationen über seine Vorfahren abgelegt – so auch über Leon. Zwar berichtet die Website ebenfalls nichts über die Ehefrau Leons, aber ich finde: eine Rosa Baneth und eine Noemi Snowman.

Rosa wird dort als Stiefmutter genannt, also als zweite oder dritte Ehefrau von Eduard Baneth (der tatsächlich dreimal verheiratet war, wie ich dort ebenfalls nachlesen kann). Weitere Angaben zu Rosa finde ich auf dieser Website zwar nicht, wohl aber im Gedenkbuch des Bundesarchives:

Baneth, Rosa, geborene Pinkowitz
geboren am 07. Juni 1880 in Frankfurt a. Main / – / Hessen-Nassau
wohnhaft in Berlin (Wilmersdorf)

Deportation: ab Berlin
02. März 1943, Auschwitz, Konzentrations- und Vernichtungslager
Todesort: Auschwitz, Vernichtungslager

Damit weiß ich nun, dass die Karte von der damals 58jährigen Stiefmutter von Leon Baneth geschrieben wurde, die einen ihrer Stiefsöhne – David Baneth – über das Schicksal eines anderen Stiefsohns – Davids leiblichen Bruder Leon – unterrichten wollte. Und ich erfahre auch, dass Rosa Baneth – anders als ihrem Stiefsohn Leon – die Flucht aus Deutschland nicht gelang.

Am 2. März 1943 verlässt der 32. Berliner „Osttransport“ mit 1.756 Berliner Juden den Güterbahnhof Berlin-Moabit mit dem Ziel Auschwitz. Die Transportliste mit den Namen aller Deportierten ist erhalten geblieben. Auf Seite 56, mit der laufenden Nummer 1119 findet  sich „Rosa Sara Baneth, geb. Pinkowitz“, mit Geburtsdatum und -ort. Die Liste nennt auch ihre Wohnanschrift: Halensee, Paulsborner Straße 7, nur wenige Schritte vom Kurfürstendamm entfernt. Der Zug erreicht Auschwitz am 3. März 1943. Wie so viele andere auch wurde Rosa Baneth vermutlich wenige Stunden nach ihrer Ankunft im Gas ermordet.

Rosa Baneth Liste OT32-56 flat

Aus der Transportliste des 32. Berliner Osttransports: Nr. 1119 Rosa Baneth aus Halensee.

Noemi war eine ältere Halbschwester von Leon aus der ersten Ehe seines Vaters Eduard Baneth mit einer Frau namens Helene. Von Noemi lässt sich weiter herausfinden, dass sie den 1883 geborenen Engländer Henry Snowman heiratet, mit diesem in Middlesex lebt (das heute längst in London aufgegangen ist) und dort 1910 ein Tochter bekommt. Das erklärt auch, warum Rosa Baneth in der Postkarte auf die Unterstützung von Noemi hofft: als Engländerin kann sie vielleicht die Einreise in ein sicheres Drittland ermöglichen. Tatsächlich ist Leon Baneth dann ja auch nach England emigriert – sehr wahrscheinlich mit der Unterstützung von Noemi.

Unklar bleibt nach meinen Recherchen die Rolle der Ehefrau von Leon Baneth, die der Verwandte auf http://www.geni.com nicht erwähnt und über die ich keine Hinweise im Internet gefunden habe. Auch Rosa erwähnt keine Ehefrau, stattdessen ist sie, die Stiefmutter, diejenige, die sich um den damals 47-jährigen Leon kümmert. Ein Blick in das Berliner Adressbuch von 1938 zeigt zudem, dass Leon Baneth dort keinen eigenen Hausstand führte; es findet sich nur der Eintrag für Rosa Baneth, die schon 1938 in der Paulsborner Straße 7 wohnte.

baneth adresse 1938

Aus dem Berliner Adreßbuch 1938: kein Eintrag für Leon Baneth.

Das Haus Paulsborner Straße 7 hat den Krieg übrigens nicht überstanden, an seiner Stelle steht heute ein Neubau. Der Stolperstein für Rosa Baneth fehlt noch.

 

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