In Belzec

Unsere erste Station ist das ehemalige Arbeitslager. Wir stehen auf einem weitläufigen, mit Gräsern kniehoch überwucherten Grundstück. Am hinteren Ende eine lang gestreckte, baufällige Baracke. 1940 gab es hier bereits ein Arbeitslager für Juden sowie Sinti und Roma, darunter auch Menschen aus Bremen und Hamburg. Zwei Jahre, bevor nicht weit von hier die Vergasungen im monströsen Todeslager beginnen, müssen bis zu 1.000 Menschen unter unwürdigen Bedingungen in dieser primitiven Baracke hausen, um an der nahe gelegenen russischen Grenze Befestigungen auszuheben. Viele Häftlinge kommen dabei um. Nichts erinnert heute mehr an sie. „Mebla“ steht heute an der Außenwand der Baracke, die nach dem Krieg ein Möbelhändler nutzte.

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Das ehemalige Arbeitslager in Belzec. Der aus Hamburg stammende Häftling Gustav Weiss berichtet, dass allein in der Woche seiner Ankunft 1940 mehr als 70 Kinder starben. Vor Ort findet sich heute kein Hinweis auf die Geschichte dieses Ortes.

 

Die dunkelste Zeit Belzecs beginnt aber erst am 27. März 1942 mit dem Betrieb des Vernichtungslagers, der ersten von drei Todesfabriken der Aktion Reinhardt. In den nächsten neun Monaten werden dort rund 450.000 Juden vergast. Dies erledigten gerade einmal 37 SS-Männer, von denen jedoch nie mehr als 20 gleichzeitig in Belzec waren. Sie wurden unterstützt durch rund 150 ukrainische „Hilfswillige“, die brüchtigten Trawniki-Männer. Deren Stammkneipe, im Volksmund wohl „Trawniki-Bar“ genannt, ist das erste Gebäude mit direktem Bezug zum Todeslager, das wir aus dieser Zeit sehen. Das Holzhäuschen in der unwirtlichen Mitte des gesichtslosen Dorfes steht heute leer. Ich werfe ein raschen Blick durch das schmutzige Fenster und stelle mir die Mörder in ihren schwarzen Uniformen nach getaner Arbeit an der Theke vor. Nicht weit davon entfernt hat sich ein weiteres Gebäude erhalten, eine ehemalige Wäscherei, in der jüdische Zwangsarbeiterinnen arbeiten mussten. Auch dieses Gebäude steht leer und verfällt.

Die beeindruckendsten historischen Gebäude aus der Zeit des Todeslagers bilden jedoch die außerhalb des Lagers gelegenen und von der SS genutzten Wohn- und Verwaltungsgebäude. Bis 2010 wurden die Häuser, die der polnischen Eisenbahn PKP gehörten, genutzt, seitdem stehen sie überwiegend leer und verfallen. Um den Abriss durch einen privaten Investor zu verhindern, übertrug die PKP die Gebäude nach internationalem Druck dem Museum Majdanek. Jetzt stehen wir im Garten der ehemaligen Kommandantenvilla und betrachten historische Aufnahmen. Lächelnde SS-Männer in Uniform, hunderttausendfache Mörder gut gelaunt vor ihrem Wohnhaus. Ich blicke hoch und erkenne die Balkonbrüstung vom Foto, die Türgriffe, Fensterrahmen, den Gartenzaun. Die Vorstellung, dass in diesem freundlichen Häuschen eine Handvoll Männer ein derart grauenvolles Verbrechen plante und durchführte, verschlägt mir den Atem.

Nur wenige Schritte von der Villa entfernt befindet sich der Bahnhof Belzec. Hier kamen die überfüllten Deportationszüge an. Die Waggons voller Menschen wurden abgekoppelt und über ein Nebengleis in das Todeslager geschoben. Die wenigsten Insassen ahnten, was ihnen hier bevorstand. Wenige Stunden später waren die nach Tausenden zählenden Juden durch Gas ermordet, ihre Habseligkeiten verwertet. Denn Belzec war nie darauf ausgelegt, dass Häftlinge sich hier längere Zeit aufhalten sollten. In Belzec sollten möglichst viele Juden möglichst schnell ermordet werden.

In strahlendem Herbstsonnenschein betrachten wir den einsamen Provinzbahnhof und hören Augenzeugenberichte über Menschen, die in Todesangst und vor Durst schrieen. Wir versuchen uns vorzustellen, welche bestürzenden Szenen sich hier vor 74 Jahren abgespielt haben. Dann durchqueren wir die Ruine des noch aus K.u.K.-Zeiten stammenden Lokschuppens, in dem jüdische Häftlinge die Kleidung der gerade Ermordeten sortieren mussten. Auch dieser authentische Ort ist aufgelassen und verfällt. Wie auch an den anderen historischen Orten in Belzec findet sich auch hier kein Hinweis auf die frühere Funktion des Gebäudes. Nachdenklich und bedrückt laufen wir den wenigen hundert Meter langen Sandweg, auf dem 1942 die Todeszüge über das nicht mehr erhaltene Nebengleis vom Bahnhof ins Lager rollten.

Vom ehemaligen Todeslager selbst ist überhaupt nichts mehr erhalten. Nach dessen Schließung mussten jüdische Häftlinge zunächst Hunderttausende verweste Leichen exhumieren und auf riesigen Rosten verbrennen. Anschließend wurde das Lager vollständig demontiert, der Grund mit Bäumen bepflanzt. Nichts mehr sollte an das Todeslager erinnern. Zurück blieb eine leer geräumte Fläche, auf dem die SS zur Tarnung noch ein Bauernhof bauen lässt. Möglicherweise gibt es aber doch noch ein bauliches Relikt. Dabei handelt es sich möglicherweise um zwei abgesägte hölzerne Stützen eines Wachturmes, der am Nebengleis zum Bahnhof gestanden haben könnte. Auch wenn die Zuschreibung umstritten ist, zeigt die Diskussion über die für sich genommen nichts sagenden Holzstümpfe deutlich, wie desolat die Suche nach originalen Spuren des Todeslagers gewesen ist.

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Möglicherweise die einzigen verbliebenen Spuren des Todeslagers: zwei abgesägte Pfeiler eines Turmes am mutmaßlichen Ort des Nebengleises. Sie kamen vor einigen Jahren bei Bauarbeiten ans Tageslicht, als der umgebende Sandhügel abgetragen wurde. 

Umso mehr als diese Suche heute als beendet angesehen werden muss. Denn die ersten unzulänglichen Gestaltungen aus sozialistischen Zeiten wurden 2004 auf Drängen amerikanischer jüdischer Organisationen durch eine neue Gedenkstätte ersetzt, die die Fläche des Todeslagers wohl dauerhaft versiegelt. Der neue Erinnerungsort orientiert sich weder an der mutmaßlichen Topographie des Lagers, noch werden einzelne Gebäude rekonstruiert. Stattdessen symbolisiert ein weites, ansteigendes Schlackefeld die Asche der unfassbar vielen Toten. Das Feld wird eingefasst von einem Rundweg, der die Herkunftsorte der Deportationszüge nach Belzec chronologisch aufzählt. Ein gepflasterter Gang durchschneidet das Schlackefeld und versinnbildlicht den letzten Weg der Juden von den Entkleidebaracken in die Gaskammern. Ich laufe den Weg entlang, der in das Schlackefeld eintaucht, bis ich – zuletzt umgeben von hohen Mauern – den zentralen Gedenkort erreiche.

 

Was mir beim Betreten der Gedenkstätte noch abstrakt und artifiziell erscheint, erschließt sich mir beim langsamen Umwandern und Betrachten des Schlackefeldes. Nach und nach beginne ich die Dimension des Elends und die Endgültigkeit der Vernichtung zu begreifen. Dazu braucht es freilich einiges an Vorkenntnis, die das angeschlossene, ansprechend gestaltete Museum der Gedenkstätte überblicksartig liefern kann. Das künstlerische Konzept des Ortes verlangt Zeit und die Bereitschaft des Besuchers, dessen Symbole zu entschlüsseln.

Abends verlasse ich Belzec mit gemischten Gefühlen. Ich habe eine ohne Zweifel anspruchsvoll konzipierte und aufwändig umgesetzte Gedenkstätte erlebt. Doch außerhalb dieses gestalteten Raumes verfallen die letzten erhaltenen historische Gebäude und Orte mit Bezug zum Todeslager. Was ich allerdings auf der Rückfahrt noch nicht weiß: In den Gedenkstätten, die ich in den nächsten Tagen besuchen werde, ist die Lage in dieser Hinsicht noch viel problematischer. Doch dazu später mehr.

In der letzten Septemberwoche 2016 habe ich an einer Studienreise „Die Todeslager der Aktion Reinhardt“ teilgenommen, die mich u.a. nach Belzec, Sobibor, Treblinka und Majdanek führte. Veranstalter war das Bildungswerk Stanislaw Hantz e.V. gemeinsam mit der niederländischen Sobibor Stichting. Zur Geschichte des Todeslagers Belzec empfehle ich das exzellente Buch „Das Vernichtungslager Belzec“ von Robert Kuwalek.

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