Tage in Tokio

imageDie Arbeit führte mich im Juni nach Tokio, das zweite Mal schon nach vergangenem Oktober. Ich war sehr gespannt auf diese vielen vermeintlichen Brüche zwischen fremder Tradition und radikaler Moderne. In Tokio selbst war ich überrascht: da ist die Stadt bei aller Größe dann doch erlernbarer als erwartet. So sehr, dass ich sogar mein GPS-Navigationsgerät während eines langen Stadtspaziergangs auf einer Parkbank im kaiserlichen Garten liegen ließ und den Verlust erst nach meiner Rückkehr in Berlin bemerkte.

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Ein Stadtteil von Tokio. Einer von sehr vielen.

Als erstes fällt die große Sauberkeit der Stadt auf. Nirgendwo liegt Müll auf der Straße, die Bürgersteige sind gekehrt, Hecken und Rasenstreifen geschnitten. Die Häuser in Tokio – die meisten kaum älter als fünfzig Jahre – sind gepflegt und sauber,  die wenigen Altbauten aufwändig restauriert. Anders als in Berlin sieht man keine Graffiti an den Wänden und nirgendwo riecht es unangenehm nach menschlichen Hinterlassenschaften. Die Parks werden liebevoll gepflegt, die Bäume zu kleinen Kunstwerken geschnitten. Überall sind Straßenfeger, Gärtner, Parkwächter, Putzkolonnen und Wachleute im Einsatz. Auch die Taxis sind außen und innen blitzblank, die Sitze mit frisch gewaschenen weißen Schonern überzogen, die Fahrer tragen durchweg Anzug, häufig auch Weste und Krawatte. Das mag vielleicht alles etwas langweilig klingen, aber so fühlte ich mich in dieser Riesenstadt von Anbeginn an sicher und geborgen.

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400 Jahre alter Samurai-Garten und Drehort des Bond-Films „You only live twice“.

Meine nächste Erfahrung: Tokio ist eine unglaublich wohlorganisierte Stadt. Die Stadt ist voller Menschen, aber alle halten sich an Regeln und gehen auffallend höflich miteinander um. Auch ich kannte das Bild der überfüllten U-Bahnen, in die in jeder Station weitere Menschen gepresst werden. Tatsächlich jedoch warten die Menschen in Schlangen auf die einfahrenden Züge, deren Wagen exakt an gekennzeichneten Stellen zum Stehen kommen. Zuerst steigen die Leute aus, danach bewegt sich die Schlange ohne zu Drängeln ins Wageninnere. Auch ich stand einmal in einem sehr vollen Waggon, doch niemand roch unangenehm. Die Ein- und Ausgänge der weitläufigen Bahnhöfe sind durchnummeriert, auf den aushängenden Stadtteilkarten entsprechend eingetragen und im Bahnhof zweisprachig mit Farbcodes ausgeschildert (ebenso wie die Umsteigeverbindungen zu anderen Linien, bei denen der noch zu gehende Laufweg metergenau angezeigt wird). Die Züge sind extrem pünktlich und verkehren in hoher Frequenz. In einem Buch las ich, dass die durchschnittliche Verspätung der Shinkansen-Züge in den letzten zwanzig Jahren genau 18 Sekunden betrug. Nach ein paar Minuten hatte ich das Prinzip des Tokioter Nahverkehrs verstanden und bewegte mich von nun ab völlig sicher. Ähnlich in Restaurants oder in Supermärkten: Hat man das immer logische Grundprinzip einmal verstanden, stört man nicht länger den Betrieb. Und selbst wenn: niemals hörte ich ein lautes Wort oder wurde Zeuge von Aggressivität, stattdessen bin ich überall einem höflichen, freundlichen Umgangston begegnet. Und so überraschte es mich auch nicht, dass Tokio eine im Vergleich zu anderen Großstädten verschwindend niedrige Kriminalitätsrate hat. Diebstahl findet fast nicht statt, denn das Aneignen fremder Gegenstände bringt Unglück. Und so funktioniert Tokio in meinen Augen wie eine sehr gut durchdachte, diszipliniert arbeitende und dabei sehr freundliche Maschine.

Tokio ist allerdings keine besonders schöne Stadt. Das liegt natürlich im Auge des Betrachters. Aber das, was uns an Paris, London oder Venedig fasziniert, habe ich in Tokio nicht gefunden: das Alte, das Brüchige, das Typische, das Urbane. Die Stadt hat sich dem äußeren Eindruck nach ihrer Geschichte weitgehend entledigt. Eine Stadt mit vielen sehr breiten Straßen, an denen sich ein Bürohochhaus an das nächste reiht. Das Erdgeschoss oft ohne Geschäfte oder Cafés, stattdessen mit weiten Lobbys. Restaurantzeilen finden sich vielfach verborgen im ersten Untergeschoss, hier versorgen sich die Angestellten mit ihrem Mittagessen. Alle paar Kilometer durchschneiden mehrstöckige Hochstraßen und Schienenstränge die Stadtviertel. Kleine – natürlich sehr gepflegte – Parks findet man sporadisch und eher zufällig. So wirkt Tokio bei aller Sauberkeit und Aufgeräumtheit an vielen Stellen sehr unwirtlich.

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Nächtlicher Spaziergang in der Tokioter Innenstadt. Verkehr auf vier Etagen. Mindestens.

Das Essen ist gleichwohl sensationell. Wer keinen Fisch mag, wird das vielleicht anders sehen. Ich habe jedenfalls jeden Restaurantbesuch genossen, gerade auch die in den kleinen Bars. Alles war unglaublich frisch und regionaler Fisch wurde in großer Vielfalt aufgetischt. Immer wieder servieren die Köche kleine Schalen mit wechselnden Gerichten, die einzelnen Zutaten oft separat gereicht und nur leicht mariniert und erwärmt (anstatt wie in Europa häufig miteinander vermengt, gewürzt und gebraten). So war ich überrascht, wie lecker ein rohes Kohlblatt, getaucht in Sojaessig und mongolisches Salz, schmecken kann. Von Sashimi, dem rohen Fisch, in etlichen Arten will ich hier gar nicht sprechen. Nach zwei, drei Glas Sake legten dann auch meine japanischen Gastgeber ihre Förmlichkeit ab und es wurden sehr gesellige und persönliche Abende. Ich jedenfalls bin in Tokio zu einem noch größeren Fan der japanischen Küche geworden als ich es vorher schon war.

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Einfaches Sushi-Restaurant unweit meines Hotels. Einfach großartiges Essen.

Und mein verlorenes Navigationsgerät? Nun, ich versuchte mich daran zu erinnern, wo ich es zuletzt in den Händen hielt: es war während einer kurzen Rast auf einer Parkbank unweit des Kaiserpalastes. Dann bat ich meinen japanischen Kollegen in der nächstgelegenen Polizeistation anzurufen und danach zu fragen. Und ich war nicht einmal sonderlich überrascht, als er mir kurz danach mitteilte, dass es dort gefunden und abgegeben wurde.

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