Viel zu spät! Meine Highlights der re:publica

Zwei Wochen ist es nun her, dass die re:publica 2016 zu Ende ging und damit kommt dieser kurze persönliche Rückblick eigentlich viel zu spät. Nun habe ich ihn dennoch geschrieben, denn eigenartig ruhig waren diese vierzehn Tage bislang. Täuscht es mich oder sorgte die re:publica früher für längeren medialen Nachhall? 15 Vorträge habe ich an zwei Tagen gehört – das ist bei siebzehn parallel bespielten Bühnen nur ein Bruchteil des Gesamtprogramms. Doch diese subjektive Auswahl – ich muss es so offen sagen – hat mich in ihrer Gesamtheit eher enttäuscht. Wenig Neues, wenig Gewagtes, wenig Überraschendes. Im Durchschnitt würde ich die Qualität „meiner“ Vorträge mit einer Drei bewerten – und damit weit weniger wohlwollend als die Vorträge der Vorjahre. Doch es gab auch Ausreißer: drei Beiträge haben mir gut gefallen, über einen habe ich mich besonders geärgert.

Besonders spannende Information: Frank Rieger und Thorsten Schröder. Ich hielt es bislang immer für ein Indiz meiner mangelnden Intelligenz, dass ich das mit den Ad-Netzwerken im Internet nie richtig verstanden habe. Jetzt bin ich etwas beruhigter, denn Frank Rieger und Thorsten Schröder vom Chaos Computer Club demonstrierten, wie selbst beim Besuch einer seriösen Nachrichtenseite Hunderte von Ad-Unternehmen in einer auch für Experten kaum nachvollziehbaren Wirkungskette und weitgehend unkontrolliert jede Menge fragwürdigen Code auf den Rechner spielen – ein offenes Einfallstor für Malware aller Art. Konsequenz für mich: in jedem Fall einen seriösen Adblocker installieren (da können die Publisher jammern wie sie wollen).

Zum Thema Adblocker auf der re:publica gab es im Anschluss an einen Blogpost von Sascha Pallenberg dann noch eine erhitzte Online-Diskussion. Deshalb der Hinweis, dass die betreffenden Produkte der eyeo GmbH im hier empfohlenen Vortrag keine Rolle spielten. – Das Video vom Vortrag findet Ihr hier.

Bestes Zuhörer-Erlebnis: Sascha Lobo. Wie unoriginell, mag jetzt mancher denken. Mag sein, mir aber egal. Es gibt für mich hierzulande niemanden, der den eigenen – zunehmend kritischen – Standpunkt so rhetorisch kraftvoll, kundig und selbstironisch darlegen kann wie Sascha Lobo. Sein Thema diesmal – die Kultur des Trotzdem – war vielleicht nicht ganz so smart und sparkling wie die Themen früherer Lobo-Reden auf der re:publica, dennoch war der Vortrag voll von anregenden Gedanken und starken Positionen. Ich könnte ihm stundenlang zuhören. Sollte er 2017 wieder auf dem Programm stehen, wäre das für mich Grund genug, ein Ticket zu kaufen. – Saschas Vortrag findet Ihr hier.

Das größte Aufrütteln: Kübra Gümüsay. Muslimische Feministinnen und ich leben in ziemlich unterschiedlichen Welten. Unsere Alltagserfahrungen sind vermutlich vollständig andere. Und so bin ich eher zufällig in den Vortrag von Kübra Gümüsay geraten. Doch es wurde für mich das emotional berührendste und gleichzeitig aufrüttelndste Erlebnis auf der re:publica. Vergeblich mit den Tränen kämpfend beschrieb die Sprecherin ihr Erleben von organisiertem (Online-)Rassismus, der sich auch in der Diskussion zeige, ob der Islam nun zu Deutschland gehöre oder nicht. Ob man sich vorstellen könne, fragte Kübra Gümüsay, wie das auf Muslime wirken müsse, die in Deutschland geboren seien, seit Jahrzehnten hier lebten und Deutschland als ihre Heimat begreifen würden? Vielleicht mag das von ihr propagierte Gegenkonzept zum organisierten Hass, die „organisierte Liebe“, etwas naiv erscheinen. Für mich war das dennoch der Vortrag, der am stärksten haften blieb – auch noch nach vierzehn Tagen. – Das Video zum Vortrag gibt es hier.

Mein Negativ-Erlebnis: Friedemann Karig. Was in aller Welt hat das Programm-Team der re:publica nur geritten, diesen Vortrag und diesen Redner anzunehmen? Wenn RTL II einen Internet-Vortrag machen wollte: so etwas käme dabei heraus (nur besser). Halbwissen auf Volkshochschul-Niveau, „lustige“ Youtube-Tiervideos, banale Thesen und ganz viele bunte Bilder auf gefühlt 10 Folien pro Minute. Ein typisches Ergebnis eines Crash-Kurses „So werden Sie Keynote Speaker in nur drei Tagen!“. Einfach nur ärgerlich. Wer es sich dennoch antun will: Bitte sehr!

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