Der vielleicht letzte Zeuge

Am 3. April 2016 verstarb im Alter von 95 Jahren Jules Schelvis, der möglicherweise letzte Überlebende des Vernichtungslagers Sobibor. Doch obwohl der Augenzeuge Jules Schelvis das wohl wichtigste Buch über Sobibór schrieb, hat ihn kaum eine deutsche Zeitung gewürdigt. So erfuhr ich erst jetzt eher zufällig vom Tod 

imageJules Schelvis, 1921 in Amsterdam geboren, wurde gemeinsam mit seiner Frau und über 3.000 weiteren Menschen im Mai 1943 über Westerbork nach Sobibór deportiert. Dort wurde er mit 80 weiteren Männern als sogenannter Arbeitshäftling selektiert, nach wenigen Stunden konnte er Sobibór wieder verlassen. Alle anderen Deportierten wurden unmittelbar nach Ankunft durch Gas ermordet. Durch den Zufall der Selektion überlebte Jules Schelvis als einziger seines Transports und als einer von wohl weniger als 100 Menschen überhaupt das Vernichtungslager Sobibór, in dem bis Kriegsende bis zu 250.000 Menschen ermordet wurden.

Nach jahrelangen Recherchen veröffentlichte er 1993 in den Niederlanden das heute als Standardwerk geltende Buch Vernichtungslager Sobibór. Fünf Jahre später erschien eine erste deutsche Übersetzung, die zweite Auflage folgte 2003 im kleinen Unrast Verlag. Es ist bedauerlich, dass ein solch singuläres Buch in Deutschland nur in einem kleinen Nischenverlag ohne größere Wahrnehmung erschienen ist; dies erklärt, warum Jules Schelvis hierzulande nur einem ganz kleinen Kreis bekannt ist. Es erklärt auch, warum Sobibór in Deutschland – anders als z.B. in Holland – ein weitgehend unbekanntes Vernichtungslager geblieben ist.

Das Buch ist eine bittere Lektüre. Es beschreibt – und darin ähnlich wie Robert Kuwaleks bahnbrechender Studie zu Belzec – mit welchen banalen Mitteln, wenig Personal und vergleichbar geringem Materialeinsatz ein noch heute kaum fassbares Menschheitsverbrechen organisiert wurde. Diese Diskrepanzen verstören und machen Angst. Denn was alles wäre mit heutigen Mitteln möglich, wenn irgendwo auf der Welt ein System aus den Fugen gerät.

Ich hatte immer gehofft, Jules Schelvis noch einmal live erleben zu dürfen. 2014 sprach er in Berlin, leider war ich an diesem Tag unterwegs. So ist nichts daraus geworden. Sein Buch freilich wird bleiben, ich empfehle es unbedingt zur Lektüre.

Jules Schelvis: Vernichtungslager Sobibór. 360 Seiten. Unrast-Verlag, 2003. ISBN 978-3-89771-814-2

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