Snapchat – ein erster Eindruck

Am 18. März hielt Richard Gutjahr auf den CeBIT Global Conferences einen sehr kurzweiligen Vortrag über Snapchat. Wohl kein anderes soziales Netzwerk wird gerade so stark gehypt – Snapchat als Facebook-Nachfolger, Snapchat als TV-Killer. Angeregt durch Richards amüsanten Erfahrungsbericht habe ich mir einen Account angelegt und in den letzten Tagen ein wenig damit herumgespielt. Sehr weit davon entfernt Experte zu sein, möchte ich dennoch kurz von meinen ersten Eindrücken berichten.


Zunächst einmal: Blutigen Anfängern wie mir macht es Snapchat nicht eben einfach. Bis man die Benutzerführung auch nur ansatzweise verstanden hat, dauert es schon ein wenig. Die verwendeten Symbole sind eher kryptisch, Hilfe bietet die App nicht an. Also googelte ich mich Schritt für Schritt durch die einzelnen Features, wobei mir nach wie vor einiges unklar geblieben ist. Aber es reicht, um die ersten Geschichten zu erzählen.

Geschichten sind bei Snapchat automatisch verkettete, maximal 10 Sekunden lange Videoschnipsel (Snaps), die mit Fotos ergänzt werden können. Meine Freunde (den Begriff Follower gibt es bei Snapchat nicht) sehen aber nur die Snaps, die ich in den letzten 24 Stunden aufgenommen habe, alles andere ist unwiderruflich vergangen (theoretisch zumindest). Als Snapchatter laufe ich also durch meinen mehr oder weniger interessanten Alltag, nehme hier und da auf, was mir bemerkenswert erscheint, und füge es meiner Geschichte hinzu. Das Ergebnis ist dann eine Art Videotagebuch mit einer sehr unmittelbaren, eher rohen Ästhetik. Darin liegt für mich auch der Charme des Ganzen im Vergleich zu den eher auf professionellen Hochglanz gefilterten Instagram-Bildern.

Von den von mir beobachteten Snapchattern macht das Richard Gutjahr am besten (bei Snapchat als richardgutjahr zu finden). Seine täglichen drei- bis fünfminütigen Geschichten lassen sich gut anschauen – natürlich auch weil er als Medienmensch ein vergleichsweise abwechslungsreiches Leben führt und über hinlänglich Erfahrung vor der Kamera verfügt. Nach dem Prinzip „Teilhabe an meinem Alltag“ geben heute besonders in den USA viele Stars und Sternchen ihren Fans Einblicke in ihr vermeintlich tolles Leben – Snapchat also als traditionelles One-to-many-Sendekonzept mit eher eingeschränktem Rückkanal. Da mir diese „Stars“ zu 99 Prozent gänzlich unbekannt sind, spricht mich das in etwa so viel an wie die Lektüre der Bunten – nämlich gar nicht.

Erwähnenswert sind sicherlich die zahlreichen Snapchat-Filter, mit denen man lustige Effekte in seine Snaps einbauen kann. So kann ich mich im Video in einen amerikanischen Polizisten, einen feuerspeienden Totenkopf oder aber die Mona Lisa verwandeln. Für uns Erwachsene ist das vielleicht ein-, zweimal ganz lustig, beginnt aber schnell zu nerven. Sinnvoller finde ich hingegen die Zeit- und der Ortsstempel und den Text-Overlay. Dass man mit Snapchat auch einzelnen Personen Dateien senden oder mit ihnen chatten kann, ist für mich bislang eher uninteressant. Dafür nutze ich z.B. WhatsApp.

Nicht ganz klar ist mir immer noch, wie viele Follower ich eigentlich habe. Freunde sind, wie mir scheint, auch die Leute, denen nur ich folge. So merkte ich irgendwann, dass meine ersten Geschichten sich vollständig versendeten, weil mich noch niemand geaddet hatte. Von meinen über 1.500 iPad-Kontakten haben tatsächlich keine zwanzig überhaupt einen Snapchat-Account, und von denen waren seit dem 18. März offenkundig zwei Drittel inaktiv. Freunde außerhalb der bisherigen Peer Group zu finden ist schwierig, denn wirklich überzeugende Suchfunktionen bietet Snapchat bislang nicht. Vieles geht hier scheinbar noch über persönliche Empfehlungen, Verzeichnisse wie www.snapgeist.com liefern eher magere Ergebnisse.

Derzeit ist Snapchat eher noch ein Medium für Menschen unter 20. Ob es sich auch bei Menschen jenseits der 40 durchsetzen kann, wird sich zeigen. Prognosen wie „Snapchat ist das neue Fernsehen“ halte ich derzeit für völlig übertrieben – dafür sind die Möglichkeiten doch viel zu eingeschränkt. Meine TV-Killer-Formate Krimi, Doku, Nachrichten und Fußball kann ich mir auf Snapchat jedenfalls nicht vorstellen. Angenehm ist hingegen noch die weitgehende Werbefreiheit – ich bin gespannt, wann die ersten Werbeeinblendungen in meinen Geschichten auftauchen.

Werde ich nun also ein Snapchatter?

Das hängt für mich von zwei Entwicklungen ab: zum einen davon, ob meine Peer Group sich ebenfalls einen Account zulegt – derzeit erreiche ich zwischen einem und drei Zuschauer ohne echte Interaktion. Zum anderen ob ich mehr guten Content finde als die fünf User, die regelmäßig etwas veröffentlichen (übrigens sind das alles Männer).

Da heute für mich noch das Ausprobieren im Vordergrund steht, macht mir das noch nichts aus, aber in zwei, drei Monaten sollte sich da schon was verändert haben (ich hatte vor einem Jahr einen riesigen Periscope-Boom erwartet, der zumindest in Deutschland komplett ausgeblieben ist. Seitdem bin ich vorsichtig geworden). Wenn sich Snapchat jedoch in Deutschland so enttäuschend entwickelt wie Ello oder eben Periscope, werde ich meinen Account vermutlich wieder aufgeben.

In jedem Fall bleibt twitter mein wichtigster Social-Media-Kanal und dann soll ja auch dieses kleine Blog noch mehr Leser finden.

Advertisements

3 Gedanken zu „Snapchat – ein erster Eindruck

    • Ja, ja, das Alter. Ich bin auch eher skeptisch, dass das mal meins wird. Interessant wird sein, ob sich Formate entwickeln, die uns Älteren sinnvoll erscheinen. Im Umfeld von Events oder Konferenzen könnte ich mir das zumindest ergänzend vorstellen. – Mein Sohn nutzt ebenfalls WhatsApp und seit kurzem sehr intensiv Instagram, Youtube täglich, aber nur rein passiv, um Letsplayern zu folgen.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s