Gerade gelesen: „Der Circle“ von Dave Eggers

Wie? Gerade gelesen? Wieso denn jetzt erst? Das Buch ist doch bald schon drei Jahre alt, die deutsche Übersetzung erschien 2014. Nun, ich gestehe: Wird ein Buch als „Must read“ gehypt, lasse ich das meist erst einmal liegen. Bald habe ich soviel Kritiken darüber gelesen und gehört, dass ich eh den Eindruck habe, das Buch schon zu kennen. Genauso ging es mir mit The Circle von Dave Eggers. Da die Diskussion über Privatheit und Überwachung aber bis heute nicht nachgelassen hat, schien es mir jetzt nun doch an der Zeit, das Buch endlich selbst zu lesen.
imageÜberraschenderweise war der Roman eine eher leichte Lektüre, erwartete ich doch einen Text mit literarischem Gewicht von Aldous Huxleys Brave New World oder George Orwells 1984, mit denen Kritiker The Circle häufig verglichen. Jedoch weit gefehlt. Die Geschichte der 24jährigen Mae Holland, die in dem sektenhaft geführten Unternehmen The Circle eine steile Karriere macht, verzichtet auf jegliche kompositorische Komplexität und semantische Vielschichtigkeit und erzählt stattdessen geradeaus und mit eher flachen Charakteren seine – durchaus interessante – Geschichte. Parallelen zu Google und Facebook, die zusammen mit GoPro und Amazon so etwas wie The Circle bilden könnten, sind unübersehbar – bis hin zu einzelnen handelnden Personen. Ein Schlüsselroman ist es aber dennoch nicht.

Nordkorea im Silicon Valley

Stark ist das Buch immer dann, wenn es die übersteigerte Selbstwahrnehmung des Unternehmens als Heilsbringer und Weltverbesserer darstellt, dessen Segnungen jedoch eine umfassende globale Nutzung der eigenen Technologien voraussetzt (die 2016 übrigens allesamt recht plausibel und machbar klingen). In peinlich-absurden Verhören muss Mae Holland vor unterschiedlichen Vorgesetzten ihre Verstöße gegen die totalitären Regeln des Unternehmens bekennen und Besserung geloben. Das erinnert ein wenig an die Schauprozesse der Dreißiger Jahre.

Doch von naivem Ehrgeiz getrieben und frei von moralischen Skrupeln gibt die negative Heldin Mae Holland stets nach und opfert für ihr berufliches Weiterkommen bedenkenlos Eltern, Freunde und Förderer. Jede Form der Selbstausbeutung und Selbstaufgabe wird akzeptiert, jegliche Privatheit dem Fetisch der Transparenz geopfert. Wie gesagt: die Personen im Roman sind ohne größere Abstufungen entweder gut oder böse oder dumm. Das Buch überzeichnet stark, das macht die Geschichte in Teilen einfach unglaubwürdig. Emotional hat der Roman mich deshalb auch nicht besonders berührt. Dennoch musste ich mich an mein eigenes Erstaunen erinnern, als sich bislang kritische Geister auf einmal mit recht platter Rhetorik zu Wort meldeten, nachdem sie zu einem kalifornischen Arbeitgeber gewechselt waren.

Enttäuscht war ich, dass der Autor sein fiktives Unternehmen The Circle tatsächlich eher als weltverbesserische Sekte mit extremem Gruppenzwang schildert, das Profitstreben dieser üblicherweise turbokapitalistischen Großkonzerne hingegen nicht weiter erwähnt. Damit vernachlässigt der Autor eine ganz entscheidende Motivation vieler Silicon-Valley-Unternehmen, die angesichts des Drucks der Aktienmärkte immer rigoroser handeln müssen. Sehr gut hätte das Buch beispielsweise den fragwürdigen Euphemismus einer Sharing Economy bloßlegen können oder das Zusammenspiel von politischer Einflussnahme und der Sicherung von Marktanteilen. Alles das lässt der Autor aus.

Insgesamt also ein Buch, das deutlich hinter meinen vielleicht zu hohen Erwartungen zurückblieb, das man aber gleichwohl als unterhaltsame Zwischendurch-Lektüre in Betracht ziehen kann. „Der Roman unserer Epoche“, wie die FASZ auf dem Buchrücken zitiert wird, ist The Circle für mich aber gewiss nicht. Auf der vollständig subjektiven Rakkoxiana-Skala vergebe ich 6 von 10 Punkten.

Dave Eggers: Der Circle. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 3. Auflage 2016.
559 Seiten, Softcover 10,99 Euro, E-Book 9,99 Euro.
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