Gerade gelesen: „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk

St. Pauli ist heute – zumindest für uns Nicht-Hamburger – ein Hipster-Stadtteil. Das mächtig angesagte Reeperbahn-Festival, die coolen Clubs und Theater, ein wenig Hans-Albers-Folklore, wohldesignte Medien-Start-ups, nicht zu vergessen der Underdog-Fußball am Millerntor mit der legendären AC/DC-Einlaufmusik. Im Zeitalter der ausufernden Internet-Erotik ist das alte Rotlicht-Viertel längst zur dekorativen Kulisse regrediert, zum nostalgischen Disneyland. Wie unsäglich elend und trostlos aber St. Pauli in den Siebziger Jahren war, wie hoffnungslos verkommen und gewalttätig die Menschen in den Kaschemmen St. Paulis tatsächlich waren, das erzählt Heinz Strunk in seinem gerade erschienenen Roman „Der goldene Handschuh“.

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Ziemlich harter Tobak das Buch.

Das Buch schildert das Leben des berüchtigten Frauenmörders Fritz Honka und wurde mittlerweile in nahezu allen relevanten Feuilletons meist sehr positiv besprochen (wie man im Perlentaucher nachlesen kann). Ich hatte das Buch in drei Tagen durch (das ist für mich Langsamleser ziemlich schnell) und muss den Kritikern zustimmen: es ist wirklich ein gutes Buch, das beim Lesen allerdings sehr viel abverlangt. Die Ekelgrenzen werden regelmäßig überschritten, freilich nicht aus einer Sensationslüsternheit oder Voyeurismus, sondern um lakonisch und detailgenau ein Milieu darzustellen, das uns wohl allen fremd ist und von dem wir hoffen, dass es heute so nicht mehr existiert. Es ist wirklich eine deprimierende Lektüre. Im ganzen Buch taucht kein einziger positiver Held auf, niemand, der einen Identifikationsansatz bietet. Ich habe alle handelnden Figuren beim Lesen verachtet und bin froh, dass ich derartigen Menschen im echten Leben bislang nicht begegnet bin.

Warum also sollte man das Buch trotzdem lesen? Zunächst einmal: es ist großartig erzählt. Bei aller Drastik des Geschilderten sind die Worte präzise und zutreffend gewählt. Kein Wort ist zu viel, jede Vokabel (und sei sie noch so widerlich) erfüllt ihre Funktion. Kein Kitsch, kein Sensationsheischen, was bei diesem Thema so einfach und verlockend gewesen wäre. Dafür unaufgeregte, klare Beschreibungen und schonungslose Dialoge. Heinz Strunk kann sehr gut schreiben, ohne jeden Zweifel (und dem Rowohlt-Verlag darf man zum Lektorat gratulieren). Bisweilen tauchen Sentenzen von aphoristischer Kraft auf, die beim zweiten Lesen eine ganz neue Gedankenkaskade auslösen (so zum Beispiel der Satz „Die Jungen wissen, dass die Alten alt sind.“).

Weiterhin hat Strunk die Kraft, die Morde selbst und das blutige Massakrieren der Opfer fast nur beiläufig zu erwähnen, ein paar Zeilen, das reicht. Der erste Mord (vier Jahre vor den anderen drei) wird sogar gar nicht geschildert, vielmehr ein Abreisen des späteren Opfers angedeutet. Viel mehr Raum gibt Strunk den vorangehenden Dialogen zwischen Täter, Opfern und deren Umfeld und erklärt dadurch das Soziotop, in dem die schreckliche Handlung stattfinden konnte.

Nicht ganz überzeugt hat mich, dass Strunk die Geschichte des Fritz Honka mit einer zweiten Biographie aus der entgegengesetzten gesellschaftlichen Schicht verflechtet – der eines ebenfalls moralisch und sexuell verkommenen Sohnes einer Hamburger Reederei-Dynastie. Beide Figuren frequentieren – ohne sich persönlich zu treffen – die Kaschemme „Der goldene Handschuh“. Die ebenfalls starke Schilderung des Reedersohnes fällt gegenüber der Honkas dennoch ein wenig ab und allein die Erkenntnis, dass sexuelle Gewaltfantasien genauso auch in wohlhabenden Kreisen anzutreffen sind, überrascht nicht wirklich.

Nichtsdestotrotz ein eindringliches Buch und ein intensives Leseerlebnis. Auf der hier gerade spontan erfundenen Rakkoxiana-Skala vergebe ich aus der hohlen Hand heraus 8 von 10 Punkten.

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh. Rowohlt Verlag, 2016.
255 Seiten, Hardcover 19,95 Euro, E-Book 16,99 Euro.
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Nachbemerkung: auf Youtube findet man übrigens eine ZDF-Dokumentation zum Fall Fritz Honka mit zahlreichen Originalaussagen von Zeitzeugen.

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