Gedanken zu Brüssel

Am Morgen des 1. März dieses Jahres stieg ich an der Metro-Station Maelbeek aus, um mit einem Arbeitskollegen im gegenüber gelegenen Thon Hotel EU einen Termin bei der Europäischen Kommission vorzubereiten. Maelbeek ist kein schöner Bahnhof, auch wenn er vor kurzem hell gefliest und mit fröhlichen comic-ähnlichen Strichzeichnungen dekoriert wurde. Die Ausgänge sind jedoch eng und dunkel und enden niedrig im Erdgeschoss übler Betonbauten aus den Sechziger oder Siebziger Jahren. Aber das konnte man ja jetzt im Fernsehen gut sehen.

Das Thon Hotel EU hingegen ist ein freundliches Hotel in bunten Farben, in dem wir dann eine Dreiviertelstunde zusammensaßen, uns besprachen und immer wieder einen Blick auf die gut gelaunten auscheckenden EU-Touristen warfen – aufgeregte Besuchergruppen aus vielen Ländern und wichtige Damen und Herren in dunklen Kostümen und Anzügen. Als es dann Zeit wurde, brachen wir auf, überquerten die Rue de la Loi und stiegen wieder in Maelbeek in die Metro M5 Richtung Hermann Debroux. Vorgestern berichtete mir mein Kollege, der die Detonation im Bahnhof in seinem nahe gelegenen Büro hörte, dass die Lobby eben dieses Hotels am 22. März zur notdürftigen Krankenstation wurde.

Seit September 2015 war ich alle 14 Tage in Brüssel, zumeist anreisend mit dem ICE bis zum Bahnhof Bruxelles-Midi, einige Male aber auch mit dem Flugzeug über Zaventem. Natürlich fiel es mir auf, wie sehr sich die Stadt veränderte nach den Anschlägen von Paris, die zahlreichen Doppelpatrouillen der Soldaten mit ihren mächtigen Sturmgewehren, die Personenkontrollen am Bahnhof.

Ich habe dann darüber nachgedacht, wie das Szenario aussehen müsste, bei dem diese Soldaten sinnvoll zum Einsatz kommen könnten. Da müsste es Amokschützen geben wie in Paris, die marodierend durch die Stadt ziehen, um wahllos Reisende zu töten. Die könnten dann ihrerseits von den Soldaten auf den zumeist sehr vollen Bahnhöfen erschossen werden. Zuallererst sollten diese Trupps aber wohl das Gefühl von Sicherheit ausstrahlen. Und ja, genau das taten sie: ich fühlte mich beschützt, wenn ich fünf Meter neben diesen breitschultrigen und schwerbewaffneten Männern auf meine Metro wartete. Falls die Patrouillen darüber hinaus Täter abschrecken sollten: nein, das taten sie nicht, wie wir jetzt wissen.

Unsere freie Gesellschaft ist ein einziges großes weiches Ziel und genauso wollen wir sie ja auch haben. Es ist deshalb auch so einfach, es ist deshalb so gar nicht zu verhindern, dass ein Einzelner oder eine kleine Gruppe mit der Bereitschaft das eigene Leben herzugeben, eine erkleckliche Anzahl unschuldiger Menschen ins Verderben reißt – nicht nur im desorganisierten Belgien, sondern überall in Europa. Es gibt so viele nicht zu kontrollierende Menschenansammlungen, die jedes für sich ein leichtes Ziel abgeben: die übervollen Pendler-ICEs am Freitagnachmittag, in die jeder mit einem großen Koffer einsteigen kann; das KaDeWe an einem Samstag voller Menschen mit großen Einkaufstüten, die langen Schlangen von Menschen mit Rucksäcken bei einem Fußball-Länderspiel noch vor den Stadionkontrollen, aber auch überfüllte Messehallen, in die in den Aufbautagen weitgehend unkontrolliert Container transportiert werden. Jeder kann hier aus seinem eigenen Erleben Beispiele anfügen. Es braucht nur ein paar Fanatisierte und etwas Chemie, um hier ein Massaker anzurichten.

Morgen wollte ich mit meinem Sohn ins Olympiastadion gehen, Deutschland spielt gegen England. Das mache ich jetzt erst einmal nicht und das ärgert mich. Denn noch habe ich für mich nicht ausgemacht, wie ich mit dieser neuen Bedrohung umgehen werde. So bitter es klingt, aber wir werden uns mit dieser neuen Lebensgefahr arrangieren müssen. Die Geisteshaltung, die diese Gefahr heraufbeschwört und Täter produziert, wird in den nächsten Jahren nicht verschwinden. Sie wird vielleicht sogar in einer Melange aus Unbildung, Verblendung, Perspektivlosigkeit und dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, weiter zunehmen. Ich habe immer die Zivilgesellschaft Israels bewundert – ihren Lebensmut, das Weitermachen, aber auch ihre Leistungsfähigkeit angesichts einer alltäglichen Bedrohung. Vielleicht muss Europa tatsächlich israelischer werden.

Ich bin gerne bereit, den Sicherheitskräften alles zuzubilligen, was unsere Gesetze und unsere Verfassung so eben noch zulässt (aber auch nicht mehr!). Das kann manche Gefahr reduzieren, aber es wird nicht alle Anschläge verhindern. Und ich habe die Hoffnung verloren, dass wir tatsächlich nachhaltig die Lage in den Regionen verändern können, in denen diese Hasslehren kultiviert werden. Ich glaube nicht an nation building – das muss vor Ort selbst geschehen oder es wird nie geschehen.

Was wir tun können, ist dem Hass in Europa den Nährboden zu entziehen. Parallel zur harten und konsequenten strafrechtlichen Verfolgung müssen wir Milliarden und Abermilliarden in Bildung und Integration investieren, wir müssen 100.000 zusätzliche Lehrer und Professoren in grundlegend modernisierte Schulen und Universitäten holen. Wir müssen positive Lebensperspektiven schaffen und gesellschaftlichen Aufstieg anbieten. Im Grunde meines Herzens bin ich Optimist. Ich glaube daran, dass durch Bildung und Teilhabe Hass vermieden werden kann (dabei lasse ich mal außen vor, dass wir angesichts der demographischen Entwicklung Deutschlands volkswirtschaftlich ohnehin kaum eine Alternative haben). Aber dieser Prozess wird viele Jahre dauern, die wir jetzt erst einmal durchstehen müssen, mit einem unguten Gefühl der alltäglichen Bedrohung im Hinterkopf.

Im Mai steht meine nächste Reise nach Brüssel an. Ich werde wieder in Zaventem landen, dort in einen Bus steigen, am Place du Luxembourg ein Café besuchen und mit der Metro weiter zur Europäischen Kommission fahren. Das war vor dem 22. März mein Alltag und soll es auch danach bleiben.

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