Gerade gelesen: „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk

St. Pauli ist heute – zumindest für uns Nicht-Hamburger – ein Hipster-Stadtteil. Das mächtig angesagte Reeperbahn-Festival, die coolen Clubs und Theater, ein wenig Hans-Albers-Folklore, wohldesignte Medien-Start-ups, nicht zu vergessen der Underdog-Fußball am Millerntor mit der legendären AC/DC-Einlaufmusik. Im Zeitalter der ausufernden Internet-Erotik ist das alte Rotlicht-Viertel längst zur dekorativen Kulisse regrediert, zum nostalgischen Disneyland. Wie unsäglich elend und trostlos aber St. Pauli in den Siebziger Jahren war, wie hoffnungslos verkommen und gewalttätig die Menschen in den Kaschemmen St. Paulis tatsächlich waren, das erzählt Heinz Strunk in seinem gerade erschienenen Roman „Der goldene Handschuh“.

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Ziemlich harter Tobak das Buch.

Das Buch schildert das Leben des berüchtigten Frauenmörders Fritz Honka und wurde mittlerweile in nahezu allen relevanten Feuilletons meist sehr positiv besprochen (wie man im Perlentaucher nachlesen kann). Ich hatte das Buch in drei Tagen durch (das ist für mich Langsamleser ziemlich schnell) und muss den Kritikern zustimmen: es ist wirklich ein gutes Buch, das beim Lesen allerdings sehr viel abverlangt. Die Ekelgrenzen werden regelmäßig überschritten, freilich nicht aus einer Sensationslüsternheit oder Voyeurismus, sondern um lakonisch und detailgenau ein Milieu darzustellen, das uns wohl allen fremd ist und von dem wir hoffen, dass es heute so nicht mehr existiert. Es ist wirklich eine deprimierende Lektüre. Im ganzen Buch taucht kein einziger positiver Held auf, niemand, der einen Identifikationsansatz bietet. Ich habe alle handelnden Figuren beim Lesen verachtet und bin froh, dass ich derartigen Menschen im echten Leben bislang nicht begegnet bin.

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Gedanken zu Brüssel

Am Morgen des 1. März dieses Jahres stieg ich an der Metro-Station Maelbeek aus, um mit einem Arbeitskollegen im gegenüber gelegenen Thon Hotel EU einen Termin bei der Europäischen Kommission vorzubereiten. Maelbeek ist kein schöner Bahnhof, auch wenn er vor kurzem hell gefliest und mit fröhlichen comic-ähnlichen Strichzeichnungen dekoriert wurde. Die Ausgänge sind jedoch eng und dunkel und enden niedrig im Erdgeschoss übler Betonbauten aus den Sechziger oder Siebziger Jahren. Aber das konnte man ja jetzt im Fernsehen gut sehen.

Das Thon Hotel EU hingegen ist ein freundliches Hotel in bunten Farben, in dem wir dann eine Dreiviertelstunde zusammensaßen, uns besprachen und immer wieder einen Blick auf die gut gelaunten auscheckenden EU-Touristen warfen – aufgeregte Besuchergruppen aus vielen Ländern und wichtige Damen und Herren in dunklen Kostümen und Anzügen. Als es dann Zeit wurde, brachen wir auf, überquerten die Rue de la Loi und stiegen wieder in Maelbeek in die Metro M5 Richtung Hermann Debroux. Vorgestern berichtete mir mein Kollege, der die Detonation im Bahnhof in seinem nahe gelegenen Büro hörte, dass die Lobby eben dieses Hotels am 22. März zur notdürftigen Krankenstation wurde.

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Münchhausen am Wannsee

Mein großes Jahresprojekt, die CeBIT, ging letzten Freitag einigermaßen erfolgreich zu Ende und jetzt beginnt für mich die eigentlich angenehmste Zeit des Jahres. Der Frühling kommt, die Menschen bekommen wieder bessere Laune und tragen freundlichere Farben. Und ich, ich habe den Kopf frei und darf und kann nachdenken. Und habe Zeit für anderes.

Als erstes habe ich mir bei ebay ein schönes Buch für meine Paul-Scheerbart-Sammlung gekauft: die Erstausgabe von „Münchhausen und Clarissa. Ein Berliner Roman“, erschienen 1906 im Berliner Oesterheld und Co. Verlag, erfreulicherweise sogar im selteneren Leinen-Einband. Bezahlt habe ich dafür gerade einmal 52 Euro, in diesem Erhaltungszustand kostet die Leinen-Ausgabe sonst mindestens das Dreifache. Weiterlesen