Warum ich #Kaltland für einen schlechten Hashtag halte

Deutschland wird 2015 allen Schätzungen nach rund eine Million Flüchtlinge aufnehmen. Vor genau einem Jahr konnte diese Zahl wohl niemand vorausahnen. Deutschland hat diese gewaltige humanitäre  Aufgabe insgesamt gut bewältigt – vor allem dank seiner extrem hilfsbereiten Bevölkerung. Deutschland 2015 war ein Warmland, gewiss kein Kaltland.

imageIch glaube nicht an 100%-Gesellschaften. Keine Nation wird jemals zu irgendeinem Punkt eine einheitliche Meinung haben. Menschen sind verschieden – verschieden intelligent, verschieden gebildet, verschieden erfahren. So bitter es klingt: In jeder Gesellschaft wird es immer mindestens 5% Drecksäcke geben – Leute, deren Worte und Taten wir verabscheuen und gegen die wir Farbe bekennen müssen.

Aufgabe einer zivilisierten Gesellschaft ist es zu verhindern, dass die Zahl der Drecksäcke steigt. Wann immer die Drecksäcke gegen unsere gesellschaftlichen Spielregeln verstoßen, müssen sie dafür angemessen bestraft werden. Die zivilisierte Gesellschaft muss verhindern, dass die Drecksäcke durch Worte und Taten unser aller Ansehen und Selbstverständnis beschädigen. Auf Null wird man die Anzahl der Drecksäcke aber mit demokratisch legitimierten Mitteln nie bekommen.

Viele Menschen überall in Deutschland haben 2015 die Flüchtlinge herzlich willkommen geheißen und tun es weiterhin. Sie spenden Geld, Kleidung und Lebensmittel und veranstalten Willkommensfeste. Sie organisieren Unterbringung und Versorgung dort, wo die staatlichen Institutionen offensichtlich überfordert sind wie in Berlin (meine größte Hochachtung für Organisationen wie Moabit hilft!). Die Menschen haben gezeigt, dass Solidarität, Empathie und Engagement heute wichtige Bestandteile des gesellschaftlichen Konstrukts unseres Landes sind.

Außerhalb Deutschlands wurden wir dafür bewundert, als naiv belächelt  oder als gefährlich kritisiert, doch nachgemacht hat es uns in dieser Form kein anderes europäisches Land. Im Gegenteil: Empört mussten wir erleben, mit welcher Kaltschnäuzigkeit sich einige unserer europäischen Nachbarn entsolidarisierten. Länder, die selbst erst in den letzten Jahren durch europäische Solidarität zu dem Wohlstand gekommen sind, den sie jetzt vermeintlich als bedroht ansehen. Wenn ein Land warmherzig war im Europa des Jahres 2015, dann war es Deutschland (und Schweden, ich weiß).

Natürlich gibt es auch in Deutschland Drecksäcke – Nazis, Rassisten, Pegida-Spießer, Terroristen (jeder, der ein Flüchtlingsheim angreift, ist einer). Aber diese Kaltmenschen machen aus Deutschland noch kein #Kaltland. Und deshalb ärgert mich dieser Hashtag so sehr. #Kaltland impliziert, dass bei uns die Drecksäcke die Mehrheit hätten. #Kaltland blendet die Solidarität, Empathie und das Engagement der ganz großen Mehrheit der Bevölkerung aus. #Kaltland ignoriert auch das mutige Einschreiten vieler gegen die Zusammenrottungen der Drecksäcke. #Kaltland ist resignativ, #Kaltland überlasst den Drecksäcken das Feld.

Wir müssen 2016 noch wachsamer sein gegenüber den Drecksäcken als in diesem Jahr. Wir müssen den Druck erhöhen auf den Staat, hart gegen die Drecksäcke vorzugehen. Die Parteien müssen spüren, dass es keinerlei Anbiederung an die Drecksäcke geben darf. Wir müssen das #Warmland verteidigen, anstatt vorschnell das #Kaltland zu proklamieren.

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