Mein Frieden mit Fulda

Seit einigen Jahren fliehen wir an Weihnachten aus Berlin. In diesem Jahr der Entschluss, nach Fulda zu fahren: die Stadt, die mein Pass als mein Geburtsort ausweist, in der ich aber niemals lebte und die ich eher verleugnete. Was findet man in der Stadt, in der die eigene Mutter aufwuchs, man selbst aber allenfalls die Großeltern besuchte. Heimat vielleicht?

Fuldas Dom mit der Michaeliskirche.

Berühmte Silhouette: Fuldas Dom mit der Michaeliskirche (re.).

Im Bahnhof erschrecke ich noch angesichts dessen Banalität, doch schon der Vorplatz, mir noch als vielbefahrene Zubringerstraße in Erinnerung, ist heute längst verkehrsberuhigtes Entree einer Geschäftsstraße mit angenehm kleinstädtischem Charme. Der Weihnachtsmarkt auf dem nahegelegenen Universitätsplatz mit viel lokalem Kunsthandwerk und ganz ohne den sonst so gefürchteten Ramsch. Ich schaue mich um. Ambitionierte Neubauten, wo früher lieblose Zweckarchitektur der Fünfziger und Sechziger Jahre stand. Die Altbauten meist aufwändig saniert. Viel kleiner Einzelhandel, kaum Fillialketten. Natürlich gibt es hier und da noch etwas zu tun. Doch im Vergleich zu den Erinnerungen an meine Fulda-Besuche aus den Achtziger und Neunziger Jahren ist die Veränderung zum Guten kaum zu übersehen.

In diesen Erinnerungen ist Fulda eine Stadt im Niedergang, mit sterbender Industrie, hässlicher Nachkriegsarchitektur und miefigem Klima. Eine Stadt, bekannt für den erzreaktionären Bischof Johannes Dyba und den damaligen CDU-Rechtsaußen Alfred Dregger, die beide für ein Deutschland standen, das meines nicht war. Für mich war Fulda damals eine Stadt, aus der man nicht kommen wollte, die einem selbst als bloßer Geburtsort nur Spott einbrachte. Meine Mutter, die in Fulda aufwuchs, bis sie 1963 mit meinem späteren Vater 22-jährig fortzog, erzählte von prügelnden Lehrern, bedrückender gedanklicher Enge und einer latent rassistischen Stimmung gegenüber den zahlreich in Fulda stationierten amerikanischen Soldaten. All das prägte mein Fulda-Bild. Daher sagte ich bis heute stets etwas hektisch, wenn die Frage nach meiner Heimatstadt kam: „Ich bin zwar in Fulda geboren, habe aber dort nie gelebt.“

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Das Fulda jedoch, das ich jetzt erlebe, hat so gar nichts mehr mit diesen alten Bildern gemein. „Fulda ist eine Stadt im Aufschwung“, sagte dann auch stolz die Fremdenführerin, die uns eine Stunde lang vom Stadtgründer, dem heiligen Bonifatius, und den moralischen Verfehlungen der ihm nachfolgenden Fürstäbte berichtete. Die Wiedervereinigung habe das früher als „Hessisch Sibirien“ verpönte Fulda schlagartig in Deutschlands Mitte gerückt. Jetzt, mit neuen ICE-Verbindungen und Autobahnen, interessierten sich auch mehr und mehr Unternehmen für Fulda. Das zu hören freute mich. Irritierenderweise sah die Fremdenführerin meiner verstorbenen Mutter sehr ähnlich, was dem Stadtrundgang etwas eigenartig Unwirkliches verlieh.

imageDoch der Aufschwung tut der Stadt offensichtlich gut. Ich staune über ein nagelneues Studentenwohnheim am Schlossgarten, das eher wie eine luxuriöse Appartmentanlage wirkt. Ich staune über den augenscheinlich guten Restaurierungszustand des umfangreichen barocken Erbes der Stadt.

imageFulda strahlt – trotz weiterhin kleinstädtischer Strukturen – Toleranz und Offenheit aus. Das erlebe ich, als mich ein Fuldaer Rentner bittet, auf meinem iPad eine an Heiligabend geöffnete Apotheke zu suchen, er werde dann einen syrischen Flüchtling, der kein Deutsch spreche, dorthin begleiten. Das erlebe ich in der überfüllten Christmette im Dom, bei der der Stadtpfarrer eindringlich darauf hinweist, dass es die christliche Pflicht der Barmherzigkeit sei, Flüchtlinge aufzunehmen. Und das erlebe ich beim Altstadtspaziergang vorbei an den vielen Cafés, Bio-Läden und Boutiquen, die auch in Berlin-Mitte ihr Publikum finden würden. Ich empfinde in Fulda ganz unerwartet Behaglichkeit und Geborgenheit, freundliche Menschen und eine funktionierende Stadt.

Dieser Weihnachtsausflug hat mein Verhältnis zu meiner Geburtsstadt verändert. Ich habe meinen Frieden mit Fulda geschlossen. Dort leben? Vielleicht nicht. Aber verleugnen werde ich meine Geburtsstadt nicht mehr. Sondern mit ein wenig Heimatstolz sagen: „Auch wenn ich nie dort lebte: ich bin in Fulda geboren.“

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