Hinweis auf Gunther Tietz

Im Juni 1993 verstarb in Berlin kurz nach seinem 32. Geburtstag der Schriftsteller Gunther Tietz an AIDS. Ich habe ihn nie kennengelernt. Das hätte ich gerne, schrieb er doch die Bücher, die ich damals gerne geschrieben hätte.

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Im Tagesspiegel las ich 1991 oder 1992 eine Buchkritik, die mich neugierig machte. Ein junger Autor, Gunther Tietz, nur unwesentlich älter als ich, beschrieb in seinem Roman Kartoffel is Kartoffel das studentische West-Berlin der Achtziger Jahre. Der Kritiker verglich dessen Schreibstil mit Franz Hessel und Christopher Isherwood, damals wie heute Herrscher in meinem literarischen Olymp.

Bei der Lektüre erschrak ich fast, so stark waren die Parallelen zu meinem eigenen Leben. Nicht nur die sehr treffende Schilderung des Dahlemer Studentenlebens an der Freien Universität war mir sehr gut vertraut, auch das Milieu rund um Kurfürstendamm und Savignyplatz schilderte Tietz genau so wie ich es erlebte. Reminiszensen an Isherwood tauchten im Roman auf wie auch ein Spaziergang, der an meinem alten Gymnasium im Grunewald begann. Der Ton des Buches war schnörkellos und klar, getragen von einer straff erzählten Geschichte und einer unterschwelligen Melancholie.

imageDer Roman (dessen Titel ich damals wie heute nicht mag) war – so stellte ich irritiert fest – auch im Detail der Roman meiner Jugend. Der Roman, den ich immer schreiben wollte, mir aber nie zutraute. Ich las das Buch ein zweites Mal und war unverändert berührt. Kurze Zeit später berichteten die Zeitungen dann schon vom Tod von Gunther Tietz. Der Roman erlangte auch dadurch für kurze Zeit eine gewisse Bekanntheit, aber bald war der Autor vergessen. Später entdeckte ich das Buch im modernen Antiquariat, nach dem Verramschen wurde es nie wieder aufgelegt.

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Todesanzeige für Gunther Tietz aus dem Berliner „Tagesspiegel.“

Viele Jahre später entdeckte ich antiquarisch den 1982 erschienenen Gedichtband Die Verteidigung der Schmetterlinge, später sogar eine kleine Broschur ungefragt, die der damals 18jährige Autor 1979 in kleinster Auflage beim Packpapier-Verlag erscheinen ließ (auf Nachfrage teilte mir der Verleger mit, er könne sich nicht mehr an den Autor erinnern und die Auflage hätte wohl 200 Exemplare betragen). Für kleines Geld erstand ich zwei Widmungsexemplare aus den Bibliotheken der Schriftstellerinnen Erika Runge und Ingeborg Drewitz.

Auch diese Gedichte zeugen – trotz ihrer offensichtlichen Mängel – vom schriftstellerischen Talent des jungen Autors. Wieder machte ich die Entdeckung: hätte ich damals, beim Erscheinen dieser Bände, selbst versucht Gedichte zu schreiben, es wären wohl diese geworden: sentenzenhaft, ein wenig kämpferisch, getragen vom sensitiven Zeitgeschmack, der damals „Neue Innerlichkeit“ hieß. Selten ist mir beim Lesen diese Seelenverwandtschaft begegnet. Ich hätte sehr gerne mehr Bücher von Gunther Tietz gelesen, die er aber nicht mehr schreiben konnte. Nehme ich heute eines seiner Bücher in die Hand, befällt mich stets ein wenig Wehmut.

Auf ZVAB findet man ohne Probleme für wenige Euro das Buch „Kartoffel is Kartoffel“. Es zu lesen ist gewiss keine vergeudete Zeit.

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2 Gedanken zu „Hinweis auf Gunther Tietz

  1. Ich habe Gunther gekannt und heute abend habeich gesycht auf interne. Ich bin sehr traurig weil ich lesen musste das Gunther ( die kleine)schon in 1993 verstorben ist. Ich habe seine ersten Buch von ihm bekommen und ich habe es jetz nog immer.

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  2. Auch ich habe Gunther gekannt, den zarten, empfindsamen jungen Menschen, der so dünnhäutig war und so vibriert hat in der kurzen Zeit, in der er hier zu Besuch war. Seine „Verteidigung der Schmetterlinge“ habe ich mir damals von dem Geld, das ich mit Nachhilfe-Stunden verdient habe, gekauft und diese Büchlein bis heute gehütet, wie auch die Erinnerung an ihn. Er war ein ungewöhnlich hellsichtiger und begabter Mensch, bisweilen wie nicht von dieser Welt … Manchmal suche ich im Netz nach ihm. Schön, dass er immer wieder einmal aufscheint.

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