No pasaran! – Nachricht aus Madrid

Im April 1937 schreibt ein tschechischer Freiwilliger der Internationalen Brigaden diese Postkarte aus Madrid an einen Bekannten in der damaligen Tschechoslowakei. Sie übersteht die Zeit und berichtet heute in knappen Worten von einem europäischen Drama.

image.jpegManchmal erwähne ich in Gesprächen, dass ich mich für die Internationalen Brigaden interessiere. Ich ernte dann meist etwas irritierte Blicke, weil kaum jemand mit diesem Begriff etwas anzufangen weiß. Einige meinen, ich sympathisierte mit Terrorgruppen der Siebziger Jahre.

Der spanische Bürgerkrieg gehört nicht zum Lehrstoff deutscher Schulen und das Wissen darüber ist bei vielen daher eher dünn, oft grotesk fehlerhaft. Ich kann mich daran erinnern, dass noch in den Achtziger Jahren viele von „Rotspanien“ sprachen, wenn die demokratisch gewählte Regierung gemeint war, und verharmlosend von „Nationalspanien“, wenn es um die von Franco geführten faschistischen Putschisten ging. Auffallend ist auch, dass es auch heute noch sehr wenig Literatur auf Deutsch zu diesem Thema gibt, während z.B. in England regelmäßig neue Sachbücher erscheinen. Erschwerend kommt hinzu, dass in der DDR die Kämpfer gegen Franco mehr oder weniger alle als überzeugte Kommunisten dargestellt wurden (im Einzelfall auch mal als Verräter an der Sache) und diese Zuordnung auf westdeutscher Seite gerne aufgegriffen, wenn auch gegenteilig interpretiert wurde.

Die Internationalen Brigaden waren Truppen, die sich aus Menschen aus  über 50 Ländern zusammensetzten, darunter zahlreiche Intellektuelle, besonders Schriftsteller. Sie kamen zumeist illegal nach Spanien, um die reguläre Armee gegen die faschistischen Aufständischen zu unterstützen. Schlecht ausgestattet und bisweilen chaotisch organisiert, erlitten sie in verzweifelt geführten Schlachten sehr hohe Verluste.

Ich kann und will hier hier nicht deren tragische Geschichte wissenschaftlich erläutern. Einen ersten Einblick liefert z.B. der Wikipedia-Eintrag zu den Internationalen Brigaden, auch wenn mir selbst hier manche Formulierung bereits zu tendenziös klingt (bei der Gründung der Brigaden z.B. spielten die Kommunisten gerade nicht die führende Rolle).

Stattdessen will ich in diesem Blog einige Briefe und Postkarten von Angehörigen der Internationalen Brigaden vorstellen, die ich seit einigen Jahren sammle, da ich bereits mit 18, 19 Jahren mir die Internationalen Brigaden als meine Helden auserkor (auch wenn ich später lernte, welche unglückselige Dominanz die stalinistischen Schergen ab Herbst 1937 gewinnen sollten).

Solche Briefe und Postkarten sind sehr selten, da viele in Länder adressiert waren, die kurze Zeit später selbst von deutschen Truppen besetzt wurden – da vernichtete man besser die Post, die man von antifaschistischen Freiwilligen erhalten hatte. Von einzelnen Einheiten sind überhaupt nur ein oder zwei Stücke bekannt. Es ist kaum überraschend, dass Sammler für solche Stücke meist 150-200 Euro bezahlen, im Einzelfall auch sehr viel mehr.

Vor kurzem hatte ich das Glück, recht günstig diese Karte eines tschechischen Brigadisten kaufen zu können, der sie im April 1937 aus Madrid in die Tschechoslowakei sandte.

imageDass es sich um einen Angehörigen der Internationalen Brigaden handelt, erkennt man übrigens an den insgesamt vier Stempeln (die erkläre ich später mal). Da ich kein Tschechisch kann, war der Schriftsteller Jaroslav Rudis so freundlich, mir die Karte zu übersetzen:

An: Dr. Stárek
Kreisgericht Beroun
ČSR

Sehr geehrter Herr Doktor!

Ich habe versprochen Ihnen zu schreiben, doch leider hatte ich bis jetzt keine Gelegenheit, erst später. Wie Sie sehen, bin ich dort, wo mir die Pflicht sagte, hinzugehen. Ein tolles Volk diese Spanier und schön ist deren Land. Glauben Sie nicht unseren spießigen Zeitungen! Die Barbarei liegt auf der anderen Seite! Für die Freiheit Spaniens und der ČSR! No pasarán!

No pasarán! – „Sie werden nicht durchkommen!“ – Von Ende 1936 bis ins Frühjahr 1937 verteidigten die Internationalen Brigaden gemeinsam mit der spanischen Armee die Hauptstadt Madrid gegen die übermächtigen Putschisten. Das „No pasarán!“ entstand in diesen Tagen in Madrid und ist mittlerweile weltweit zu einem emblematischen Kampfruf geworden. Hier aufgeschrieben von einem, der die Schlacht wohl mitgeschlagen hat und der deshalb „leider bis jetzt keine Gelegenheit hatte“, seinem Bekannten zu schreiben. Jetzt berichtet er von der Pflicht, die er verspürte, gegen den Faschismus zu kämpfen, der sich gerade an vielen Stellen Europas ausbreitete. Und er benennt die offensichtlich verzerrte Darstellung des Krieges in den Medien.

In diesen wenigen Zeilen steckt so viel Geschichte, wenn man sich ein wenig in die Hintergründe eingelesen hat. Die Unterschrift ist leider unlesbar und so werde ich wohl nie herausfinden, ob der Absender den Krieg überlebt hat und was aus ihm geworden ist. Für mich aber ein ganz beeindruckendes Zeitdokument, das ich immer wieder mit Ehrfurcht in die Hand nehme.

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Ein Gedanke zu „No pasaran! – Nachricht aus Madrid

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