Warum Hertha BSC für mich nicht der „Hauptstadtverein“ ist

Der von mir  geschätzte Marvin Mendel twitterte kürzlich die These, dass Hertha BSC sehr viel mehr Potenzial besäße, wenn der Verein nur ein geeigneteres Stadion hätte:

Ich antwortete ihm, dass Hertha BSC meiner Meinung nach neben einem nicht mehr zeitgemäßen Stadion noch andere strukturelle Probleme hätte – nämlich eine nicht vorhandene Verankerung in der Stadt. Mir widersprach ein Twitter-Nutzer und bat um Antwort.

Da diese etwas länger ausfallen wird, erläutere ich meine Meinung hier und nicht auf Twitter. Ich schreibe übrigens bewusst „Meinung“, denn ich habe dazu nicht soziologisch geforscht, sondern schlussfolgere nur aus meinen persönlichen Eindrücken.

Meine Grundthese ist, dass Hertha BSC im Gegensatz zu Fußballvereinen aus anderen Städten nicht die Emotionen der breiten Berliner Bevölkerung berührt, also nicht „der Hauptstadtverein“ ist. Die Stadt fiebert nicht mit Hertha BSC mit, das Wohl und Wehe des Vereins ist eher eine Randnotiz für die allermeisten der 3,6 Millionen Einwohner. Leidenschaftliche Hertha-Fans sind in Berlin – so mein Eindruck – eine kleine Minderheit, vielleicht weniger als Hunderttausend. Der Verein hat aktuell 36.000 Mitglieder. Das sind auffallend weniger als z.B. Eintracht Frankfurt (60.000) oder der VfB Stuttgart (64.500). Werder Bremen bringt es auf vergleichbare 36.500 Mitglieder, bei weniger als einem Sechstel der Einwohner in Bremen.

Enttäuschende Besucherzahlen im Stadion

In der vergangenen Saison besuchten im Schnitt rund 45.300 Zuschauer die Heimspiele von Hertha BSC (die hier genannten Besucherzahlen zitiere ich nach transfermarkt.de). Damit liegt der Verein aus der bei weitem größten deutschen Stadt landesweit nur auf Platz 9 – hinter Vereinen wie Borussia Mönchengladbach (einer Stadt mit 260.000 Einwohnern), Schalke 04 (260.000 Einwohner), Eintracht Frankfurt (747.000 Einwohner), Borussia Dortmund (585.000 Einwohner) oder dem VfB Stuttgart (628.000 Einwohner).  Bezogen auf die städtische Bevölkerung besuchen in Frankfurt durchschnittlich 6,6% der Einwohner ein Heimspiel, in Dortmund 13,6% und in Gelsenkirchen sogar 23,5%. In Berlin sind es gerade einmal 1,3%. Und das übrigens, obwohl mit RB Leipzig der nächste Bundesligist 170 Kilometer entfernt spielt.

Noch ernüchternder sieht es bei der Auslastung des Stadions aus: Hertha BSC füllte das Berliner Olympiastadion 2017/18 gerade einmal zu 60,7% – mit großem Abstand der schlechteste Wert in der Bundesliga. Der zweitschwächste Verein, Mainz 05, kommt bereits auf 84,6%, der Bundesliga-Schnitt liegt bei 91,9%. An der Spitze liegen Bayern München mit 100% und der SC Freiburg mit 99,6%. Hier hilft auch das Argument vom großen Stadion nicht weiter – das Dortmunder und das Münchner Stadion haben eine höhere Kapazität und sind quasi permanent ausverkauft. Ein volles Haus hatte Hertha BSC als einziger Verein der Bundesliga in der Saison 2017/18 nicht ein einziges Mal.

Zahlen sind gewiss nicht alles und man kann sie in vielerlei Richtung interpretieren. Aus den oben genannten Statistiken kann man aber eines nun wirklich nicht herauslesen: dass die Stadt Berlin (oder große Teile von ihr) mit Leib und Seele hinter Hertha BSC steht, dass also der Verein für die Stadt eine besonders große Identifikationskraft besitzt.

Nicht viele Berliner identifizieren sich mit Hertha BSC

Laufe ich durch Bremen, so begegne ich der grünen Werder-Raute fast überall in der Stadt. In vielen Lokalen findet man einen Vereinswimpel oder ein Mannschaftsfoto, Aufkleber zieren die Kofferraumhaube vieler Autos. An Spieltagen habe ich regelmäßig das Gefühl, das gesamte Stadtviertel rund um den Osterdeich nimmt Anteil am Spieltag. Spaziere ich am Samstagvormittag durch die Straßen rund um den Marktplatz, tragen viele Menschen zum Wochenend-Einkauf bereits ihre grün-weißen Schals oder Trikots. Im gutbürgerlichen Café Knigge habe ich wie selbstverständlich mit dem Kellner über das bevorstehende Spiel geplaudert. Von Bekannten aus Bremen erfuhr ich, dass es selbst in höchsten Kreisen durchaus zum guten Ton gehört, sich zu Werder zu bekennen.

Und als Fan von Eintracht Frankfurt habe ich natürlich die Bilder von der Rückkehr der Mannschaft nach dem Pokalsieg im Mai 2018 vor Augen, als die Spieler im Auto-Corso vom Frankfurter Flughafen bis zum Römer den Pokal präsentierten. Es kursieren verschiedene Angaben, wie viele Menschen die Straßen säumten, es dürften wohl mehr als 100.000 gewesen sein (wen es interessiert sollte diese tolle Doku schauen).

Werder Bremen und Eintracht Frankfurt sind für mich zwei beeindruckende Beispiele, wie sehr ein Fußballverein zum konstituierenden Element einer Stadt wird. Werder gehört untrennbar zu Bremen – da würden mir die allermeisten Einwohner mit einigem Lokalstolz zustimmen. Gleiches gilt wohl auch für die Eintracht und Frankfurt am Main. Bei Hertha BSC und Berlin bin ich mir da nicht so sicher. Ich behaupte, den allermeisten Berlinern ist die Hertha eher egal. Im alltäglichen Stadtbild ist der Verein weitgehend unsichtbar (bis auf bezahlte Werbeplakate an Litfaßsäulen und in Bushaltestellen). Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren in einer Bar, einem Restaurant oder einer Kneipe einen Hinweis auf Hertha BSC gesehen zu haben. Das Vereinslogo als Autoaufkleber? – Fehlanzeige. Hertha-Schals, -Jacken oder -Hoodies sieht man nur am Spieltag an den Besuchern auf ihrem Weg ins Stadion. Und wäre es vorstellbar, dass mehrere Hunderttausend Berliner zusammenkommen, um einen Pokalsieg von Hertha BSC zu feiern? Wohl kaum.

Bei meinem letzten Berliner Arbeitgeber (angesiedelt im Stadtteil Mitte) arbeiteten 120 Leute – nur ein einziger hielt es mit Hertha BSC. In meinem Bekanntenkreis gibt es hingegen keinen einzigen bekennenden Hertha-Fan. Wir sprechen dort zwar regelmäßig über Fußball, aber niemals über Hertha BSC. Wir sprechen über die Eintracht, den HSV, über den BVB, Werder Bremen und natürlich auch über Bayern München. Doch niemand interessiert sich für Hertha BSC. Keiner ist „gegen Hertha“, wie z.B. einige „gegen Bayern München“ sind. Hertha BSC lässt uns einfach alle kalt.

Woher diese Teilnahmslosigkeit?

Berlin hat sich in den letzten 30 Jahren vermutlich stärker verändert als jede andere deutsche Stadt. Spätestens mit dem Regierungsumzug strömten viele Hunderttausende in die Stadt, besetzten die lukrativen Positionen und veränderten das Sozialgefüge Berlins erheblich. Gleichzeitig verließen seit dem Mauerfall zwei Millionen Menschen die Stadt. Weniger als die Hälfte der Berliner ist hier auch geboren. Anders als in Bremen oder Hamburg gibt es in Berlin kein alteingesessenes Bürgertum mehr. In vielen Unternehmen und Organisationen arbeiten heute mehrheitlich Zugezogene, auf Parties muss ich regelmäßig berichten, wie es so war „früher in West-Berlin“.

Das Problematische an diesem Austausch der Stadtbevölkerung ist, dass die meisten Zugezogenen ihren Lieblingsverein schon mitbrachten – im Alter von 20 oder 30 Jahren hat man sich da ja meist schon festgelegt. Und wer wechselt schon seinen Verein, nur weil er in eine andere Stadt zieht? So gehen viele der in Berlin lebenden Fußball-Fans halt nur ein- oder zweimal im Jahr ins Olympiastadion, nämlich genau dann, wenn ihr Lieblingsverein auswärts spielt. 

Und das schlägt schlägt auch auf die nächsten Generationen durch. In der Klasse meines 14jährigen Sohnes (31 Schüler, darunter 20 Jungen) sind – ich habe nachgefragt – gerade einmal zwei Hertha-Fans. Einer der beiden berichtete, er säße im Stadion immer in der Ostkurve „zwischen lauter Berliner Rentnern, die sich ‚Hauptstadtmafia‘ nennen.“ In der Fußball-Mannschaft meines Sohnes (Landesliga Berlin, C-Jugend) sind die meisten für Bayern München oder gleich für englische Vereine. Um dem Ausbleiben von Fan-Nachwuchs entgegen zu steuern, haben seit dieser Saison Jugendliche unter 14 Jahren freien Eintritt zu den Bundesligaspielen von Hertha BSC. Wie stark dieses Angebot genutzt wird, ist mir allerdings nicht bekannt.

Für viele Berliner aus der Baby-Boomer-Generation gibt es einen weiteren Grund für die Distanz zu Hertha BSC: das extrem schlechte Image der Hertha-Fans in den Siebziger Jahren, in der Zeit also, in der die geburtenstarken Jahrgänge sich ihren Lieblingsverein suchten. Damals galten die sogenannten Hertha-Frösche als sehr gewalttätig, oft rechtsradikal und – wie man heute sagen würde – sehr bildungsfern. Viele Eltern der West-Berliner Mittelschicht sahen es in meiner Jugend überhaupt nicht gerne, wenn der eigene Sohn Hertha-Fan wurde oder Hertha-Fans in seinem Freundeskreis hatte. Stadionbesuche galten als durchaus riskant. So war Tennis Borussia aus Charlottenburg für viele dann die präferierte Alternative; auch ich war regelmäßig in den beiden Saisons, in denen TeBe erstklassig spielte, regelmäßig im Stadion (das war 1974/75 und 1976/77 – ich musste noch mal nachschauen). Der Kabarettist Wolfgang Gruner und der Showmaster Hans Rosenthal engagierten sich damals bei TeBe, das machte den Verein sehr sympathisch.

Ein weiterer Grund für die geringe Unterstützung für Hertha BSC ist sicherlich die Teilung der Stadt, die noch immer nachwirkt, zumal viele Berliner und auch Zugezogene sich stark über ihren Kiez orientieren. Im Internet habe ich eine interessante Karte gefunden, die die Anzahl der Vereinsmitglieder von Hertha BSC und Union Berlin in den einzelnen Ortsteilen darstellt. Deutlich wird die Dominanz des Zweitligisten Union im Berliner Südosten, aber auch die sehr niedrigen Mitgliederzahlen beider Vereine in der Innenstadt, dort wo bevorzugt die meist besser verdienenden Zugezogenen wohnen.

Zuletzt noch ein paar Worte zum Berliner Olympiastadion. Das ist aus der Perspektive eines Architekturhistorikers ohne Zweifel ein bemerkenswerter Bau (den Adolf Hitler übrigens nicht mochte, weil er ihm nicht imposant genug war – der Architekt Werner March hatte den Unterring und das Spielfeld in die Tiefe gebaut und dem Stadion damit bewusst die Massivität genommen). Als Fußballstadion des 21. Jahrhundert taugt es jedoch nicht. Wenn es nicht die sehr seltenen „Hexelkessel“-Spiele eines DFB-Pokalfinales sind, haben die Stadionbesuche oft etwas Deprimierendes. Sitzt man in den Kurven im Oberring, sind es dank der Laufbahn wohl 150-200 Meter bis zum gegenüberliegenden Tor – viel bekommt man da nicht mit. Die flach geneigten Kurven lassen viel Schall entweichen, richtig laut wird es deshalb nicht im Stadion. Die Idee eines reinen Fußballstadions mit der Kapazität des jetzigen Besucherdurchschnitts ist also richtig (dies entspräche z.B. dem Frankfurter Waldstadion), der Besuch würde natürlich viel mehr Spaß machen und regelmäßig zu einem ausverkauften Haus führen. Es ist aber auch der Beleg für die Einsicht der Vereinsführung, dass der Verein sein Besucherpotenzial tatsächlich nicht signifikant über 50.000 sieht – was angesichts der Größe der Stadt Berlin eigentlich viel zu wenig ist – siehe Dortmund, siehe Schalke, siehe München, siehe Frankfurt. Doch aufgrund der besonderen Geschichte und Struktur Berlins wird es in dieser Stadt auf Jahrzehnte hinaus keinen „Hauptstadtverein“ geben, hinter dem sich die Mehrheit der dort lebenden Fußball-Fans versammeln.

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Ein weiteres Lebenszeichen aus Piaski

In einem früheren Beitrag habe ich bereits einiges über das Transitghetto Piaski und die Deportation der Stettiner Juden im Februar 1940 geschrieben. Nun kann ich eine weitere Postkarte aus Piaski dokumentieren, die ich kürzlich erwerben konnte.

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Gerade gelesen: „Valley of Genius“ von Adam Fisher

VoGDas Buch nennt sich im Untertitel “The Uncensored History of Silicon Valley (As Told by the Hackers, Founders, and Freaks Who Made It Boom)”. Tatsächlich ist das Buch kein durchgehender Text, sondern eine sehr umfangreiche Collage von Zitaten aus über 200 Interviews, die der Autor in den letzten Jahren mit den Machern des Silicon Valley geführt hat. Zu Wort kommen nur die Personen, die tatsächlich dabei waren: Entwickler, Techniker, Investoren, Hacker, Wissenschaftler, Unternehmer. Genau das macht das Buch für mich auch so faszinierend: es ist keine interpretierende Analyse aus dem Blickwinkel des Autors, sondern sammelt die durchaus widersprüchlichen Berichte der unmittelbar handelnden Personen – oral history at its best. Entgegen meiner ersten Befürchtung liest sich das Ganze übrigens leicht und flott und wahnsinnig spannend.

Das Buch beginnt mit dem hierzulande weitgehend unbekannten Doug Engelbart und der „Mother of all demos“ in den sechziger Jahren und endet mit dem Tod von Steve Jobs im Jahre 2011. Dazwischen habe ich auf über 400 Seiten so viel Neues über fundamentale Entwicklungen und herausragende Köpfe gelernt, obwohl ich dachte, mich im Thema schon ganz gut auszukennen. Wie bahnbrechend wichtig aber beispielsweise Xerox PARC oder General Magic und die dort arbeitenden Ingenieure waren, davon hatte ich ehrlich gesagt keine Ahnung. Überraschend war für mich auch, wie sehr das Silicon Valley bis in die Neunziger Jahre hinein „Counterculture“ war, aber auch wie stark männlich dominiert es über Jahrzehnte blieb (tatsächlich tauchen nur eine Handvoll Frauen auf). „Valley of Genius“ erzählt Geschichten und darin ist das Buch sehr stark; ich habe zudem etliche Hinweise auf weitere spannende Bücher gefunden, von denen ich etliche prompt gekauft habe. „Valley of Genius“ ist allerdings keine kritische Analyse der daraus hervorgegangen gesellschaftlichen Entwicklungen. Aber dafür gibt es andere Bücher, z.B. die von Douglas Rushkoff oder zuletzt Dan Lyons.

Für mich jedenfalls war „Valley of Genius“ das faszinierendste Technik-Buch, das ich seit langem gelesen habe, und deshalb kann ich es ausdrücklich empfehlen. Zahlreiche Kapitel zum Einlesen finden sich übrigens hier bei Google Books. Zum Buch gibt es auch eine Website.

Hinweis: Bücher kauft man übrigens am besten beim Buchhändler um die Ecke!

Berlin im November 1938: „…und dann mußte er verreisen.“

dannmussteerverreisen

„… und dann musste er verreisen.“ Im Berliner November 1938 hieß das nichts anderes als Verhaftung.

Vor kurzem erwarb ich eine Postkarte, die am 17. November 1938 in Berlin verfasst und nach Jerusalem versandt wurde. Das Datum und der Wohnort des Empfängers lassen aufmerken. Denn acht Tage zuvor, am 9. November 1938, verwüstete ein organisierter Nazi-Mob überall in Deutschland jüdische Geschäfte und Wohnungen und zerstörte 1.400 Synagogen. Hunderte starben bei den Pogromen und über 30.000 Juden wurden in den Tagen danach verhaftet. Die Postkarte ist ein Zeugnis dieser Ereignisse, wenn man nur ein wenig zwischen den Zeilen liest. Weiterlesen

Abnehmen für Einsteiger

Thomas und Hiroshi Ishiguro.

Beim Erinnerungsfoto auf der CeBIT mit Robotik-Legende Hiroshi Ishiguro ist die Plautze weg. Nur das Hemd wirkt etwas weit.

Am 3. Dezember 2016 kaufte ich mir eine Waage. Ich hatte mich zuvor über Jahre nicht gewogen, doch zuletzt den Eindruck gewonnen, dass ich – möglicherweise – ein wenig zugenommen hätte. So überraschte ich mich immer häufiger dabei tief Luft zu holen, wenn ich fotografiert wurde. Tat ich das nicht, waren die entstandenen Fotografien häufig „unvorteilhaft getroffen“. Die neue Waage sollte endlich Klarheit schaffen. Ich schätzte mich vielleicht auf 88 Kilo. Die Waage korrigierte diese Vermutung unerbittlich auf 95. Daraufhin beschloss ich abzunehmen. Bis zum Beginn der CeBIT am 20. März 2017 wollte ich auf 87 Kilo runter, im Stillen liebäugelte ich sogar mit der 84. Das wäre dann die „Körpergröße minus Hundert“. Abnehmen also – nur wie? Eine Kollegin empfahl mir, ab dem Nachmittag auf Kohlenhydrate zu verzichten, das helfe garantiert. Da mir gerade nichts Besseres einfiel, beschloss ich, diesem Rat zu folgen. Weiterlesen

In Belzec

Unsere erste Station ist das ehemalige Arbeitslager. Wir stehen auf einem weitläufigen, mit Gräsern kniehoch überwucherten Grundstück. Am hinteren Ende eine lang gestreckte, baufällige Baracke. 1940 gab es hier bereits ein Arbeitslager für Juden sowie Sinti und Roma, darunter auch Menschen aus Bremen und Hamburg. Zwei Jahre, bevor nicht weit von hier die Vergasungen im monströsen Todeslager beginnen, müssen bis zu 1.000 Menschen unter unwürdigen Bedingungen in dieser primitiven Baracke hausen, um an der nahe gelegenen russischen Grenze Befestigungen auszuheben. Viele Häftlinge kommen dabei um. Nichts erinnert heute mehr an sie. „Mebla“ steht heute an der Außenwand der Baracke, die nach dem Krieg ein Möbelhändler nutzte.

2016-09-27-11-06-14

Das ehemalige Arbeitslager in Belzec. Der aus Hamburg stammende Häftling Gustav Weiss berichtet, dass allein in der Woche seiner Ankunft 1940 mehr als 70 Kinder starben. Vor Ort findet sich heute kein Hinweis auf die Geschichte dieses Ortes.

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Kein Platz für 26.000 Menschen

imageWir halten am Eingang eines Gewerbegebiets am Stadtrand von Lublin. Unser Ziel ist der sogenannte „Umschlagplatz“, der Ort, von dem die SS zwischen März und April 1942 26.000 Lubliner Juden nach Belzec in den Tod deportierte. Auf dem Weg dahin passieren wir alte Industrieruinen. Dazwischen Kleinbetriebe in Flachbauten. Grau dominiert überall. Nach einigen hundert Metern geht es plötzlich durch Dickicht einen Trampelpfad entlang, bis wir auf einem überraschend kleinen Platz stehen. Auf der einen Längsseite begrenzen die Ziegelmauern einer alten Werkstatt den Raum, auf der anderen Seite eine Betonpalisade neueren Datums. Weiterlesen