Emigriert nach Paris: Zwei Postkarten an Dr. Leo Alexander in Berlin

Im September 1938 emigrierte Martin Alexander in Begleitung seiner Frau (?) Herta aus Berlin nach Paris, um von dort aus weiter nach Argentinien auszuwandern. In zwei Postkarten an den Berliner Arzt Dr. Leo Alexander berichtet er aus den ersten Tagen seiner Emigration. Während Martin und Herta die Flucht vermutlich gelang, werden Leo, seine Frau Edith und der von ihnen angenommene Pflegesohn Wolfgang am 17. Mai 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

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100 Raritäten (5): „Kommerzienrats Olly“ von Else Ury

Else Ury ist berühmt geworden als Verfasserin der für junge Mädchen konzipierten Nesthäkchen-Romane, die zwischen 1913 und 1925 in zehn Bänden erschienen und bis heute – wenn auch sprachlich überarbeitet – verlegt werden. Die Erzählungen über das Leben der höheren Tochter Annemarie Braun aus Charlottenburg erreichten hohe Auflagen und machten Else Ury zu einer der erfolgreichsten Jugendbuchautorinnen der Weimarer Republik. Gut erhaltene Ausgaben ihrer Bücher aus der Zeit vor 1933 sind durchaus gesucht, aber gewiss keine großen Raritäten. Anders verhält es sich mit signierten Ausgaben, die in Antiquariaten kaum zu bekommen sind. Eine solche befindet sich in meiner Bibliothek.

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Barcelona, im Juli 1937

Am 15. Juli 1937 schickt eine Französin mit Namen Madeleine Grüße an die lieben Freunde Mezières in den Andennen. Die Postkarte zeigt die Placa de Catalunya im Stadtzentrum Barcelonas. Handschriftlich markiert sie ein Gebäude: „notre Hotel“. Auf der Rückseite vermerkt sie zudem: „Vive la Republique Espagnole“. Das Hotel Colón war ab 1936 das Hauptquartier der PSUC, der Sozialistischen Einheitspartei Kataloniens – vor allem aber deren Rekrutierungsbüro für freiwillige Kämpfer im Bürgerkrieg gegen die Truppen Francos.

Auch wenn ich nichts über Madeleine weiß, so darf man wohl annehmen, dass sie eine französische Sozialistin war, die sich als Freiwillige der Armee der Spanischen Republik anschloss. Offensichtlich konnte sie im Hotel Colón absteigen, bevor sie mit einer Freundin (die ebenfalls Madeleine hieß) bald an die Front weitergezogen ist. Die Tatsache, dass zwei Frauen gemeinsam an die Front gehen, könnte darauf hindeuten, dass die beiden Madeleines möglicherweise Ärztinnen oder Krankenschwestern gewesen sein könnten. Über ihr weiteres Schicksal konnte ich bislang leider nichts in Erfahrung bringen.

Dieser Beitrag ist ein kleiner Dank an Nick Lloyd (Twitter: @Civil_War_Spain) für sein Buch „Forgotten Places: Barcelona and the Spanish Civil War“.

Urlaubsgrüße aus Deep

Zitat

Für kleines Geld in den USA ersteigert: Urlaubsgrüße vom 17. Juli 1904 aus dem westpommerschen Ostseebad Deep (heute das polnische Mrzezyno) ins Berliner Tiergartenviertel.

Just now the first cool breeze is coming in from the north and gives me strength enough to send you many Grüsse. Hope you had not to suffer by the heat as we did. Yours R. Mahr

Zwischen 1891 und 1936 verbrachte Lyonel Feininger regelmäßig die Sommermonate in Deep und wurde dort zu zahlreichen Bildern inspiriert. Vielleicht hat R. Mahr ihn dort gesehen, ihm ein wenig beim Malen zugesehen und mit ihm geplaudert.

Gerade gelesen: „Wenn’s brennt“ von Stephan Reich

Dies vorweg: Ich bin ein großer Freund von „Coming-of-Age“-Romanen. Ich mag ihre Sentimentalität, ihre Wehmut und ihre etwas verklärende Sicht auf das Erwachsenwerden. Stephan Reich erzählt in seinem bereits 2016 erschienenen Roman Wenn’s brennt von den letzten großen Ferien einer langen Jungenfreundschaft: Nach Abschluss der zehnten Klasse wird der Ich-Erzähler Erik eine Lehre bei der Post beginnen, sein Freund Finn wechselt die Schule und verlässt die Kleinstadt. Den letzten Sommer aber verbringen sie noch einmal gemeinsam.

Stephan Reich: Wenn’s brennt. Roman. DVA, 2016. –
Hinweis: Bücher kauft man am besten bei seiner lokalen Buchhandlung.
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Lebenszeichen aus Belzyce (1): eine Postkarte von Erna Reich

Die hier vorgestellte Postkarte ist ein besonders eindrucksvolles Zeitdokument aus meiner Sammlung. Geschrieben wurde sie im November 1940 von der Stettiner Jüdin Erna Reich, die am 12./13. Februar 1940 aus ihrer Heimat in den Distrikt Lublin deportiert wurde. Die damals 56jährige Erna Reich war eine von 245 Deportierten von über 1.100 dieses Transportes, die in die Kleinstadt Belzyce gebracht wurde. Von dort schrieb sie offensichtlich regelmäßig Post an den Vorstand der jüdischen Gemeinde in Braunschweig. In der hier gezeigten Postkarte berichtet sie über den Ablauf einer jüdischen Beerdigung an ihrem Deportationsort.

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Der Tag, an dem ich Fan von Eintracht Frankfurt wurde

Am 8. Mai 1971 besuchte ich das erste Mal ein Bundesliga-Spiel. Ich war gerade sechs Jahre alt geworden und im Berliner Olympiastadion empfing der Tabellendritte Hertha BSC die abstiegsbedrohte Eintracht aus Frankfurt. Die Berliner drehten einen frühen Rückstand und siegten ungefährdet mit 6:2. Dennoch entschied ich mich an diesem 8. Mai 1971, so ungefähr gegen 17:00 Uhr, von nun an Fan von Eintracht Frankfurt zu sein.

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Lebenszeichen aus Piaski (3): Eine Postkarte von Herbert Finkelscherer

Im August 2019 konnte ich eine weitere Karte aus dem Ghetto Piaski erwerben, die von einem der am 12. Februar 1940 aus Stettin deportierten Juden geschrieben wurde. Verfasser ist Dr. Herbert Finkelscherer, der von 1938 bis 1940 Rabbiner der Stettiner Synagogengemeinschaft war. Die Postkarte wurde am 17. Dezember 1940 geschrieben, also rund zehn Monate nach der Deportation.

Postkarte Finkelscherer Piaski RS

Herbert Finkelscherer schreibt an Klara Ems:

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„Dank & Gruß !“ – Eine Postkarte von Arno Schmidt

Die einen verehren ihn hymnisch, die anderen halten ihn für überschätzt. Ich mag Arno Schmidt. Ich mag seine kauzige, arrogante, misanthropische Art. Ich gebe zu, es hat gedauert, bis ich mich eingelesen hatte. Ich brauchte Zeit, bis ich verstand, wie ich die Kolonnen von Satzzeichen lesen musste und mich nicht mehr von der eigenwilligen Orthographie irritieren ließ. Ich wurde Arno-Schmidt-Fan – und Sammler.

In den Achtziger und Neunziger Jahren waren die Erstausgaben Arno Schmidts sehr begehrt und sehr teuer – für mich meist unerschwinglich. An signierte Exemplare war nicht zu denken, wenn sie denn überhaupt angeboten wurden. Schließlich lebte Schmidt die längste Zeit seines Lebens zurückgezogen im niedersächsischen Bargfeld, einem Dorf mit auch heute weniger als 200 Einwohnern. Besucher empfing er kaum, öffentliche Lesungen fanden nur wenige statt. Weiterlesen