Barcelona, im Juli 1937

Am 15. Juli 1937 schickt eine Französin mit Namen Madeleine Grüße an die lieben Freunde Mezières in den Andennen. Die Postkarte zeigt die Placa de Catalunya im Stadtzentrum Barcelonas. Handschriftlich markiert sie ein Gebäude: „notre Hotel“. Auf der Rückseite vermerkt sie zudem: „Vive la Republique Espagnole“. Das Hotel Colón war ab 1936 das Hauptquartier der PSUC, der Sozialistischen Einheitspartei Kataloniens – vor allem aber deren Rekrutierungsbüro für freiwillige Kämpfer im Bürgerkrieg gegen die Truppen Francos.

Auch wenn ich nichts über Madeleine weiß, so darf man wohl annehmen, dass sie eine französische Sozialistin war, die sich als Freiwillige der Armee der Spanischen Republik anschloss. Offensichtlich konnte sie im Hotel Colón absteigen, bevor sie mit einer Freundin (die ebenfalls Madeleine hieß) bald an die Front weitergezogen ist. Die Tatsache, dass zwei Frauen gemeinsam an die Front gehen, könnte darauf hindeuten, dass die beiden Madeleines möglicherweise Ärztinnen oder Krankenschwestern gewesen sein könnten. Über ihr weiteres Schicksal konnte ich bislang leider nichts in Erfahrung bringen.

Dieser Beitrag ist ein kleiner Dank an Nick Lloyd (Twitter: @Civil_War_Spain) für sein Buch „Forgotten Places: Barcelona and the Spanish Civil War“.

Urlaubsgrüße aus Deep

Zitat

Für kleines Geld in den USA ersteigert: Urlaubsgrüße vom 17. Juli 1904 aus dem westpommerschen Ostseebad Deep (heute das polnische Mrzezyno) ins Berliner Tiergartenviertel.

Just now the first cool breeze is coming in from the north and gives me strength enough to send you many Grüsse. Hope you had not to suffer by the heat as we did. Yours R. Mahr

Zwischen 1891 und 1936 verbrachte Lyonel Feininger regelmäßig die Sommermonate in Deep und wurde dort zu zahlreichen Bildern inspiriert. Vielleicht hat R. Mahr ihn dort gesehen, ihm ein wenig beim Malen zugesehen und mit ihm geplaudert.

Gerade gelesen: „Wenn’s brennt“ von Stephan Reich

Dies vorweg: Ich bin ein großer Freund von „Coming-of-Age“-Romanen. Ich mag ihre Sentimentalität, ihre Wehmut und ihre etwas verklärende Sicht auf das Erwachsenwerden. Stephan Reich erzählt in seinem bereits 2016 erschienenen Roman Wenn’s brennt von den letzten großen Ferien einer langen Jungenfreundschaft: Nach Abschluss der zehnten Klasse wird der Ich-Erzähler Erik eine Lehre bei der Post beginnen, sein Freund Finn wechselt die Schule und verlässt die Kleinstadt. Den letzten Sommer aber verbringen sie noch einmal gemeinsam.

Stephan Reich: Wenn’s brennt. Roman. DVA, 2016. –
Hinweis: Bücher kauft man am besten bei seiner lokalen Buchhandlung.
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Lebenszeichen aus Belzyce (1): eine Postkarte von Erna Reich

Die hier vorgestellte Postkarte ist ein besonders eindrucksvolles Zeitdokument aus meiner Sammlung. Geschrieben wurde sie im November 1940 von der Stettiner Jüdin Erna Reich, die am 12./13. Februar 1940 aus ihrer Heimat in den Distrikt Lublin deportiert wurde. Die damals 56jährige Erna Reich war eine von 245 Deportierten von über 1.100 dieses Transportes, die in die Kleinstadt Belzyce gebracht wurde. Von dort schrieb sie offensichtlich regelmäßig Post an den Vorstand der jüdischen Gemeinde in Braunschweig. In der hier gezeigten Postkarte berichtet sie über den Ablauf einer jüdischen Beerdigung an ihrem Deportationsort.

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Der Tag, an dem ich Fan von Eintracht Frankfurt wurde

Am 8. Mai 1971 besuchte ich das erste Mal ein Bundesliga-Spiel. Ich war gerade sechs Jahre alt geworden und im Berliner Olympiastadion empfing der Tabellendritte Hertha BSC die abstiegsbedrohte Eintracht aus Frankfurt. Die Berliner drehten einen frühen Rückstand und siegten ungefährdet mit 6:2. Dennoch entschied ich mich an diesem 8. Mai 1971, so ungefähr gegen 17:00 Uhr, von nun an Fan von Eintracht Frankfurt zu sein.

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Lebenszeichen aus Piaski (3): Eine Postkarte von Herbert Finkelscherer

Im August 2019 konnte ich eine weitere Karte aus dem Ghetto Piaski erwerben, die von einem der am 12. Februar 1940 aus Stettin deportierten Juden geschrieben wurde. Verfasser ist Dr. Herbert Finkelscherer, der von 1938 bis 1940 Rabbiner der Stettiner Synagogengemeinschaft war. Die Postkarte wurde am 17. Dezember 1940 geschrieben, also rund zehn Monate nach der Deportation.

Postkarte Finkelscherer Piaski RS

Herbert Finkelscherer schreibt an Klara Ems:

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„Dank & Gruß !“ – Eine Postkarte von Arno Schmidt

Die einen verehren ihn hymnisch, die anderen halten ihn für überschätzt. Ich mag Arno Schmidt. Ich mag seine kauzige, arrogante, misanthropische Art. Ich gebe zu, es hat gedauert, bis ich mich eingelesen hatte. Ich brauchte Zeit, bis ich verstand, wie ich die Kolonnen von Satzzeichen lesen musste und mich nicht mehr von der eigenwilligen Orthographie irritieren ließ. Ich wurde Arno-Schmidt-Fan – und Sammler.

In den Achtziger und Neunziger Jahren waren die Erstausgaben Arno Schmidts sehr begehrt und sehr teuer – für mich meist unerschwinglich. An signierte Exemplare war nicht zu denken, wenn sie denn überhaupt angeboten wurden. Schließlich lebte Schmidt die längste Zeit seines Lebens zurückgezogen im niedersächsischen Bargfeld, einem Dorf mit auch heute weniger als 200 Einwohnern. Besucher empfing er kaum, öffentliche Lesungen fanden nur wenige statt. Weiterlesen

Internationale Brigaden: ein Brief eines der ersten Kämpfer

Ein außergewöhnliches Stück meiner Sammlung zu den Internationalen Brigaden ist ein Brief von Martin Führer, der als einer der ersten internationalen Antifaschisten nach dem Putsch Francos am 18. Juli 1936 an der Seite der Bürgermilizen sowie der loyalen spanischen Armee kämpfte. Möglicherweise hielt sich Martin Führer am 18. Juli 1936 als Teilnehmer der Volksolympiade in Barcelona auf oder er lebte bereits als politischer Emigrant in Spanien.

Eine der wenigen Aufnahme der Grupo Thaelmann aus den ersten Tagen des Spanischen Bürgerkriegs im Juli 1936. Ob Martin Führer einer der abgebildeten Kämpfer ist, ist nicht bekannt.

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Wie ich den Mauerfall in Berlin erlebte

Irgendwann in der zehnten Klasse musste mein Sohn J. als Hausaufgabe für den Deutschunterricht ein Interview schreiben: „Befrage jemanden aus Deiner Familie zu einem besonderen Erlebnis“. Wir einigten uns darauf über den Mauerfall zu sprechen, den ich als West-Berliner damals unmittelbar miterlebte. So musste ich mich noch einmal erinnern, was ich am 9. und 10. November 1989 in Berlin sah und tat. Das Gespräch wurde dann von uns beiden redaktionell geglättet und mein Sohn erhielt eine recht manierliche Zensur dafür. Bevor diese Schularbeit aber ganz in Vergessenheit gerät, scheint mir der 30. Jahrestag der Maueröffnung geeignet, unser Interview hier zu dokumentieren. 
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